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Nen6 Descartes.
(Nach 300 Jahren.)
8. „Von Jugend auf bin ich für die Wissen-schaft erzogen worden. Man sagte mir, durch sie könneman eine klare und sichere Erkenntniß von allem erlangen,was für das Leben von Werth ist, und so war ich vomsehnlichsten Wunsche beseelt, sie kennen zu lernen. Alsich nun den ganzen Studiengang beendet hatte und mich,wie es Sitte war, zu den „Gelehrten" hätte rechnendürfen, da war ich ganz anderer Meinung geworden!Zweifel und Irrthümer umgaben mich, und nur daseine schien mir bei all meiner Lernbegierde immer klarerund klarer geworden zu sein, nämlich daß ich nichtsweiß. Und doch besuchte ich eine der hervorragendstenSchulen in ganz Europa , wo es, wenn überhauptirgendwo in der Welt, gelehrte Männer geben mußte!"
So schrieb Rens Descartes, als er die Schuleverließ, jener Mann, den man als den Begründer derneueren Philosophie ausgibt. Ist es nicht ein werth-volles, ein äußerst bezeichnendes Geständniß, das er injenen Worten niedergelegt hat? Man sagt, der alteSokrates habe eine fast gleichlautende Aeußerung gethan,und nun bedenke man, daß dieser im Heidenthum, inder vorchristlichen Zeit lebte, Cartesius aber im 19. Jahr-hundert nach Christus lehrte. Man wird hier den Ge-danken nicht los, daß in obigem Bekenntniß sozusageneine Charakteristik der ganzen „neueren Philosophie",der „modernen Weltanschauung" enthalten ist, die janach dem Ausspruche eines französischen Schriftstellersden „Durst der Menschheit" nichts weniger als gelöschthat. Das Cartesius -Jubiläum zwingt uns förmlich, denMann und sein Werk wenigstens im Hauptpunkt etwaszu besehen, da er bet der Betrachtung der „Geschichtedes modernen Gedankens" nicht umgangen werdendarf. Zunächst einige biographische Notizen.
Rens Descartes („LsiZnenr äu ksrrcm") er-blickte das Licht der Welt am 31. März 1596 zu LaHaye (Touraine ), wohin seine Mutter sich vor der Pestgeflüchtet hatte. Sein Vater, welcher Parlamentsrathder Bretagne zu Nennes war, gehörte einem der ältestenAdelsgeschlechter der Provinz an. Der Knabe war vonschwächlicher Körperconstitution, zeigte aber schon infrühester Jugend hohe Geistesgaben. Ein unge-wöhnlicher Wissensdurst und Forschungsdrang beseelte ihn,und man nannte ihn schon damals den „kleinen Philo-sophen". Die erste öffentliche Schule, die er besuchte,war das Jesuiten -Colleg zu La Fläche. Hier wurde derGrund gelegt zu dem festen, unerschütterlichen Glauben,den er sein ganzes Leben hindurch bewahrte und in allseinen Schriften manifestirte. Mit großem Eifer folgteer dem Unterrichte der gelehrten Ordensmänner, die ernicht selten durch die Schärfe und Selbständigkeit feinesUrtheils in Erstaunen setzte.
Unter den Wissenschaften, die seinem hohen Geisteim Ganzen keine Befriedigung gewähren konnten, sagteihm die Mathematik am meisten zu; sie verdankt jagerade Cartesius eine wichtige Errungenschaft: die ana-lytische Geometrie, und schon im Jahre 1618 veröffent-lichte er eine mathematische Abhandlung über die Musik.
Auf die Lehrjahre folgten die Wan verjähre.Wir finden ihn in Paris, hierauf in Holland, in Deutsch-land, in Böhmen und Ungarn , theils Zerstreuung suchend,
theils Kriegsdienste leistend, theils um Beobachtungenund Studien zu machen. Nach diesem unsteten Treibenwollte er sich in Haag niederlassen, um sich ganz und un-gestört den Wissenschaften, insbesondere seinem Lieblings-fache, hinzugeben. Allein alles war noch in ihm inGährung ; ein zweiter Faust, greift er bald zu dieser,bald zu jener Beschäftigung, nirgends Befriedigung undRuhe findend. Weitere und größere Reisen folgten, umsich dann abermals und endgiltig in die Einsamkeitzurückzuziehen. Seine Ideen hatten sich inzwischen be-deutend geklärt, und bald hatte er das richtige Fach ge-funden; 1629 erschien der erste Entwurf seines philo-sophischen Systems. Da er sich gar nicht blickenließ und von ihm bekannt wurde, daß er an einer ganzneuen Begründung der Wissenschaften arbeite,so umgab seine Person bald ein eigenartiger Nimbus,was dem stillen Denker nichts weniger als ange-nehm war.
In rascher Aufeinanderfolge erschienen nun ausCartesius ' Feder eine Reihe von Schriften, sämmt-liche philosophischen Inhaltes, welche allenthalben großesAufsehen erregten, viele Anhänger fanden, aber auchmanchen Gegner in die Schranken riefen. Auch dieKönigin Christine von Schweden interessirte sich sehr fürden großen Mann, und es gelang ihr durch einen Ge-sandten, Descartes an den schwedischen Hof nachStockholm zu ziehen. Früher ein großer Freund eineslangen Schlafes, erschien er nun jeden Morgen um5 Uhr in der Bibliothek der Königin, um diese in derWeltweisheit zu unterrichten. Diese ungewohnte An-strengung, die ganz veränderte Lebensweise sowie dasrauhe nordische Klima waren seiner Gesundheit nicht zu-träglich. Nach einigen Monaten erkrankte er, und schonam 11. Februar 1650 erlag er seinen Leiden. GleichKant war er unverheirathet.
Als die wichtigste und interessanteste Schrift Car-tesius ' gelten seine „Betrachtungen", 1641 erschienen.Das Ringen eines großen Geistes nach Wahrheit, nachtieferer und sicherer Erkenntniß tritt uns darin in einerso lebendigen, unmittelbaren Weise entgegen, daß dieseEmpfindungen sich jedem Leser mittheilen. Wir lernendie Macht des alles zerstörenden Zweifels kennen, derso oft unsere Kräfte lähmt, aber auch den Menfchengeistin seiner Energie, in seinem Selbsterhaltungstriebe, wieer mit immer neuer Kraft angreift, bis ihn das be-seligende Gefühl der Sicherheit erfüllt. Formell be-trachtet, zeigen Descartes ' Schriften noch deutlich dieSpuren der Scholastik, obwohl der Ausblick in eine neueZeit mit neuen Begriffen und Zielen unschwer zu er-kennen ist.
Cartesius wird oft als der Begründer derneueren Philosophie bezeichnet. Er hat denneueren Idealismus eingeleitet, indem er den allein-igen Gewißheitsgrund in das Selbstbewußtsein desGeistes legte: 6o§itc>, sr§o sum! kann als das Grund-prinzip seines philosophischen Lehrgebäudes betrachtetwerden. Dem Geiste legt er angeborne Ideen bei, unddas Kriterium der Wahrheit setzt er in die Klarheit desErkennens. Descartes und seine Schüler fassen dieMetaphysik wohl auch noch als die Wissenschaft desUcberstnnlichen auf, verließen aber die bisherige ana-lytische Methode und gingen von der uns ureigenenIdee oder vom unmittelbaren Schauen Gottes aus.