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Einsame Wanderer, welche um Mitternacht von Fischhausen her um das Waldeckgegen Fischhausen zogen, sahen häufig das Thurmfenster erleuchtet und flüsterten sich leisezu: „Der Waldteufel kocht noch seine Kräuter!" —
Kehren wir zur Spitzing-Alphütte und zu den beiden Männern, welche vor der-selben saßen, zurück.
„Was sagst Du", begann Rudi, „zu der traurigen Nachricht über unsern liebenRitter Jörg? Ich habe seitdem keine fröhliche Stunde mehr, und die arme Burgfraujammert mich schon recht, der sieht man Sorge und Kummer wohl an!"
Andreas starrte vor sich hin, dann entgegnete er:
„Was kümmerts mich? — Des Jörg's Vater hat mich kurz vor seinem Todefortgejagt, weil ich eine Zeit lang närrisch gewesen bin, wegen der Mechtild. Ich wäreschon wieder zu mir kommen, das Leid hätte sich gelegt. Aber wie ich keinen Dienstmehr gehabt habe, bin ich ganz verrückt geworden und mag nichts mehr, was waldeckischist, außer Dich und die Martha. Ihr Beide seid noch freundlich mit mir und heißt michden Andres, nicht den Waldteufel, wie die andern."
„Du", sagte Rudi, „weil Du von der Martha redest, fällt mir ein Auftrag ein.Sie möchte ein Fläschchen Wurzen -Branntwein. Ich muß es ihr durch den Hirtenbbubenschicken in die Burg."
Der Alte hob die Kraxe auf und suchte unter den Kräutern »ach der Flasche,während Rudi in die Hütte ging und einige Käslaibchen holte, als Gegengabe.
Als er sich wieder niedergelassen und die Flasche zu sich genommen hatte, frugAndreas: „Trinkt die Martha den Enzian selbst?" dabei sah er den Rudi spöttisch an.
„Beileib nicht!" antwortete dieser und rückte näher zu dem Alten heran. Dannfuhr er leiser sprechend fsrt: „Ich bin schon darauf gekommen, wer den Enzian trinkt.Ehe wir auf die Alm hinaufgezogen sind, habe ich der Jägerswittwe auf der HalbinselKäslaibl'n bringen müssen. Wie ich über die Breitenbachbrücke in den Wald hineingekommen, steh'n der Kuno und die Martha am Weg. Er hat seinen Arm um ihren Halsgelegt und ganz leise haben sie miteinander geredet, bis sie mich gehört haben."
„So, so!" — rief der Alte. — „Der Kuno und die Martha! — Er wird wohlbald herrschaftlicher Jäger, nachher kann die brave Martha sein Weib werden. — Sohätte es der Andres mit der Mechtild auch vorgehabt!" — Er senkte sein Haupt undkratzte mit der Bergstockspitze in die rauhen Pflastersteine vor der Hütte. —
Da tönte vom Thals herauf vielstimmiges Abendgeläute. Der Senne nahm seinenHut ab, bekreuzte sich und betete leise. Andreas aber sah starr hinaus in die Nachtund murmelte, dem Betenden unverständliche Worte.
„Es war", sagte er, „eine schöne, unvergeßliche Zeit, da ich noch habe recht innigbeten können, wie der Senn' da. Aber seit vierzig Jahr kann ich's nimmer, wenn ichauch möchte! So oft ich anfangen will, steht der junge Fischer vor mir. Aus der Brustquillt ihm das Blut und wie er zusammenstürzt ruft er: Andres, der Lohn bleibt nicht aus!"
Tiefaufseufzend fuhr er dann fort:
„Er ist nicht ausgeblieben der Lohn l — Der Mord verfolgt mich Tag und Nacht,bis in Ewigkeit!"-
Der Senne bekreuzte sich wieder setzte seinen Hut auf und sagte:
„Was hast Du denn gebetet, Andres? Ich habe kein Wörtchen verstanden!"
„Du brauchst nicht zu verstehen, was ich bete", entgegnete dieser. „Es ist ein gartrauriges Gebet das!" — Dann erhob er sich von der Bank, nahm die Kraxe auf dieSchulter und sagte:
„Jetzt wird es hell hinterm Romberg; der Mond kommt bald herauf. Heute habenwir St. Achaz, da muß ich, wenn der Mond das alte Kreuz im Krottengraben beleuchtet,das Lungenkraut brocken."
„Nun, Andres!" entgegnete der Senne, der sich ebenfalls erhoben hatte. „Da hastDu noch einen weiten, beschwerlichen Weg!"'