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vor war er ihr gegenüber der heitere Senne und empfing den Fischer so freundlich, wiefrüher. —
Da kam eines Tages der Vater des Fischers auf die Alpe und erkundigte sich nachdem Sohne, welcher schon seit vier Tagen abgehe. Er sei letzten Sonntag nach derKirche zu Fischhausen fort und, wie er einem Bekannten mitgetheilt hatte, auf dem Wegsin die Valepp.
Mechtild, wie Andreas und die ältere Dirne behaupteten, ihn zwar erwartet, abernicht gesehen zu haben.
Die Fischhauser und Nachbarn suchten mehrere Monate nach dem Vermißten, endlichkurz vor Abtrieb von den Alpen fand der Jäger Kuno in einer Schlucht des Todten-grabens, nicht weit vom Saumwege, welcher vom Spitzingsee nach der Valepp-Alpe führt,unter Tannen- und Fichtenästen den halb verwesten Leichnam des Fischers. Die Rüdendes verstorbenen Jägers hatten ihn aufgespürt.
Als man das Vieh von den Alpen Heimtrieb und der stattliche Zug geschmückterKühe und Kalben, die Saumrosse mit den Alpen -Geräthschasten beladen, gegen denSpitzingsee hinauf zogen, hatte sich Andreas von den Dirnen getrennt und war voraus»gegangen. Er wußte, daß die Eltern des ermordeten Fischers einstweilen ein hölzernesKreuz neben der Brücke des Todtenbachgrabens aufstellen ließen, damit Wanderer für diearme Seele ihres Sohnes ein andächtiges „Vater unser" beten. Mechtild hatte mit derälteren Dirne einen Kranz aus Epheu und Immergrün gewunden und trugen denselbenmit sich, um ihn an dem Kreuze aufzuhängen.
Andreas gab vor, früher als der Alpenzug in Attenhofen eintreffen zu müssen.Als er an die Brücke trat und das Erinnerungsdcnkmal an den ihm so bekannten jungenFischer zu Gesicht bekam, erbleichte er und eilte rasch über die Brück«. — Was erschrecktedenn den so rüstigen Sennen? — Rings um ihn her war kein Mensch, kein Thier zusehen! Soll das Rauschen des neben dem Wege lustig dahin strömenden Spitzingsee-baches, das ihm doch so bekannt war, ihn beängstigen? — Wohl zieht heute der Winddurch's enge Thal und rauschen die Blätter der Buchen am Wege, aber dieses Rauschenhörte der Senne so oft und gerne! —
Längst war das Gerede über das Auffinden der Leiche im Todtengraben verstummt,da faßte Andreas, als er an einem stürmischen Winterabend am warmen Kachelofen inder Jörgenschwaige saß und Mechtild neben dein Eichentische spann, denn Entschluß, demMädchen seine innige Liebe zu gestehen. Diese aber wies ihn entschieden ab, versicherteihn, daß mit dein Fischer ihre Liebe begraben sei und daß sie in wenigen Tagen dieSchwaige verlassen und zur kranken Mutter nach Reichersdorf ziehen werde. Sie batihn, ihrer nicht mehr zu gedenke», sie nie zu belästigen, denn nie könne sie sein Weib werden.
Wenige Tage darauf, als Andreas abwesend war, verließ Mechtild die Schwaige;Ersterer aber ward trübsinnig, scheu und kümmerte sich wenig mehr um sein Geschäft.Tagelang war er abwesend, theils in den Wäldern, theils um krankes Vieh der Nach-barn zu behandeln. Die Folge davon war selbstverständlich seine Entlassung aus demwaldeclischen Dinste.
Nun ging es rasch abwärts mit dem einst so braven, tüchtigen Sennen. Rastlostrieb es ihn von einem Orte zum Andern, nirgens fand er Ruhe, bis er nach dem Todedes alten Waldeckers wieder an den Echliersee zog, ein unheimlicher Gast in Burg undSolde, doch gesucht wegen seiner Geschicklichkeit in der Behandlung kranker Menschen undThiere und in der Bereitung des Enzian-Branntweins.
In der verödeten und in Folge eines Felssturzes größtentheils zerstörten BurgHohen-Waldeck, davon Reste am östlichen, walvigen Berg-Gehänge dem Wanderer vonlängst vergangener Z it erzählen, hatte sich der Waldteufel in dein aus der Römerzeit stammenden Wartthurme sein Lager bereitet und benutzte das im Kellergeschoße befind-liche, ehemalige Verließ, zu welchenr man mittelst einer Leiter gelangen mußte, zur Auf-bewahrung seiner Kniutcr- und Branntweinvorräthe.