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Selbst die Natur trauerte mit Agatha, denn das Firmament, von welchem nochkurz vorher die Sterne so friedlich niederblickten auf See und Thal, wurde allmähligvon Wolkenschleiern überzogen, die sich mehr und mehr verdichteten und endlich in schwerenRegengüssen sich entleerten.
III.
Eine Wegstunde von Schliers entfernt befindet sich am Nordfuße des Rombergesder Weiler Attenhofen. Einer der dortigen Bauernhöfe heißt: der Jrgenbauernhof. —Schon im zwölften Jahrhundert befand sich hier eine waldeckische Schwaige, welche Endedes vierzehnten Jahrhunderts von Georg oder Jörg dem Aelteren von Waldeck die Jürgen-Schwaige genannt wurde.
Dort hatte auch unser Jörg ein Oekonomiegut mit Schweizerei, zu welchem dieValepp- und Spitzingalpe gehörten.
An einem warmen Sommerabend, wenige Tage vor St. Johannis, saßen zweiMänner auf der Bank vor der Alphütte am Spitzing. Der Eine, ein kräftiger, hübscher,blondlockiger Bursche in den dreißiger Jahren mit frenndlihem Gesichtsausdrucke war derSenne und Schweizer, Rudi, von Altenberg . Der Andere war ein alter, gebückter Mannmit dunkler, von der Sonne gebrannter Gesichtsfarbe, ernsten, ja nnheinüichen Blicken.Sein graues Bart- und Haupthaar hing in schmutzigen Strähnen auf Brust und Genicklieder. Der Mann, ein tiefer Sechziger, mochte einst groß und kräftig gewesen sein,jetzt verriethen seine gefurchten Züge, sein unheimlicher Blick, daß in seiner Seele heftigeStürme getobt haben und daß noch keine Ruhe in dieses Herz sich gelegt habe. Derlederne Anzug war beschmutzt und geflickt, der breitkrmnpige, spitze Filzhut trug die Farbendes Regenbogens. Reben dieser Banditengestalt stand am Boden die Kraxe, in welchersich Enzianwurzeln, Kräuter und einige Flaschen mit Medikamenten für krankes Biehbefanden. Der Bolkemund nannte diese verwitterte unheimliche Gestalt: der Waldteufel.Sein Taufname war Andreas, jedoch unter diesem hörte man ihn nur von zwei Personennennen, nämlich von Rudi, dem Senner und von Martha deä' Zofe.
Andreas war in Wälschland geboren, hatte früh seine Eltern, welche sich als Hirtenkümmerlich fortbrachten, verloren und war von einem tiroler Benediktiner -Mönche, welcherden Knaben auf einem Krankenbesuche getroffen und von dessen mißlicher Lage erfahrenhatte, in sein Kloster gebracht worden. Hier gefiel es dem wilden Knaben nicht, er suchtedas Weite und als Hirte sein Brod. Auf einer Alpe des Grafen von Wollenstem nahmihn der alte Senne auf, unterrichtete ihn in der Kenntniß der Alpenkräuter und ihrerWirkungen, wie in der Bereitung von Heiltränken für Menschen und Bieh.
Durch Ritter Äuno von Wollenstem wurde Andreas dein Vater unsers Jörg vonWaldeck empfohlen und kam nach Altenberg, wo er sich als tüchtiger Schweizer , sorg-fältiger und eifriger Senne bewährte.
Andreas war bereits zehn Jahre in waldeckischen Diensten, als ein seltsames Er-eigniß den sonst so heiteren, lebenssrischen und rührigen Burschen vollständig veränderte.
Er hatte eines Sommers die Valepp-Alpe bezogen und ihm waren zwei Mägdegefolgt, welche ihn in der Pflege des Vieh's zu unterstützen hatten, für ihn kochten undaußerdem das Bieh hüten mußten.
Eines dieser Mädchen, Namens Mechtild, war erst in den Dienst getreten. Ihreschönen Körperformen, ihr heiteres, unschuldiges Gemüth und die Gabe des Gesanges,den Andreas so sehr liebte, ließen in seinem Herzen bald die stille Liebe sprossen. —Häufige Besuche eines jungen Fischers vom Schliersee auf der Valeppalpe erfreuten ihn,denn dieser brachte jedesmal seine Zither mit und so schwanden die Sonntag-Nachmittags-stunden unter Gesang und munteren Gesprächen. Bald aber merkte Andreas, daß zwischenMechtild und dem Fischer ein inniges Liebesverhältniß bestehe, und als er eines Tagesim Scherze Anspielung auf ihre Zuneigung zu dem hübschen Burschen machte, gestandMechtild offen ihre Liebe und die Hoffnung einer baldigen Vereinigung Beider.
Andreas ließ dem Mädchen nicht merken, was in seinem Herzen vorgehe; nach wie