Nr. 7.
1883.
zur
„Äugsliilrger postMuug."
Mittwoch, 24. Januar
Jörg von Maldeck.
Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. *)
(Fortsetzung.)
Martha ergriff, als sie mit der Burgfrau allein war, die Hand derselben und küßtesie unter Thränen.
„O wie schmerzlich berührt uns Alle in der Burg die traurige Nachricht!" sprachsie. „Wir lieben ja unsern Burgherrn wie den leiblichen Vater und sind überzeugt, daßdie Kunde nicht nur im Dorfe, sondern auch in der ganzen Waldecker Herrschaft allgemeineTrauer erwecken wird. — Der Burgwart und das ganze Gesinde wollte Euch, edleHerrin, noch heute das Beileid ausdrücken, doch bat ich sie, dieses auf morgen zu ver-schieben. Die alte, treue Gertrud wollte sich gar nicht abhalten lassen, Euch noch zutrösten! — Ach, wie wird meine gute Mutter jammern, wenn sie morgen Nachricht er-hält! Und der, brave Kuno, der treue Jägerbursche! — Gottlob, daß mein Vater diesenSchmerz nicht mehr erleben mußte!" —
Dann nach dem Auskleiden fuhr sie fort:
„Wir Alle glauben und hoffen, daß Herr Jörg wiederkehren wird und Gertrudsagte: Seid unbestrgt, Kinder! Wir sehen den edlen Ritter gewiß bald wieder, dennich habe, wenn ein Todfall in einer mir befreundeten Familie eintreten wird, jedesmaleine Vorahnung, die mich noch nie getäuscht hat. Als Herr Jörg im Winter, in tiefemSchnee fortzog aus Waldeck, da war ich wohl tief betrübt ob seinen Scheivens, mehraber jammerte mich die edle Burgfrau. Doch, ich sage euch, ich hatte damals das Gefühl,daß Herr Jörg glücklich Heimkehre» werde und habe es noch. — Dann erzählte sie unsFolgendes aus ihrer Jugend:
Als ich noch eine junge, saubere Dirne war, sagte sie, da ging mir ein schönerBursche nach, des herrschaftlichen Fischers Sohn, Martin. Er kam auch in das Hausmeiner Eltern und gefiel ihnen wohl, denn sie wußten» daß er fromm und arbeitsaniwar und seinen alten, kränklichen Vater dankbar unterstützte, wie das vierte Gebot esvon uns fordert. Als er eines Tages die Frage an mich stellte, ob ich sein Weib werdenmöchte, wenn er das Fischergeschäft allein übernehmen würde, da mußte ich Ja sagen undauch meine Eltern waren einverstanden. Aber, denkt Euch, ich konnte den Gedanken nichtaus dem Kopfe bringen, daß aus der Heirath nichts werden wird. Eine Ahnung sagtemir, daß ein wesentliches Hinderniß eintreten werde und so kam's auch. Der Tag derHochzeit war festgesetzt, aber am Vorabend ertrank Martin beim Fischen, indem der See-sturm den Einbaum umstürzte."
Frau Agatha hatte schweigend der Erzählung zugehört, dann dankte sie der Zofe fürihre und des übrigen Gesindes Theilnahme und verabschiedete Martha mit den Worten:
„Betet für unseren theuren Burgherrn! Gute Nacht!"
*) Zu Anfang unserer Erzählung ist in Folge eines Druckfehlers vom Jahre 1144 die Rede,was jelbstverständlich in 1444 zu corrigire» ist