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(24/01/1883) 7
 
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kleinasiatische Idole einfach nachzuahmen. In Olympia fehlt es keineswegs an Funden,welche auf diesen frühesten, kindlichen Zustand der griechischen Kunst hinweisen. Es wirdauch für den Dilettanten ganz lehrreich sein, diese steifen, abstoßenden Werke einmal insAuge zu fassen, um sich klar zu werden, welcher Entwickelungsgang von da bis zur HeraLudovisi oder dem Sophokles des Lateran in einem Zeitraum von 400 Jahren zurück-gelegt worden ist. Abgesehen von einigen kleineren Idole», die man außer den Olympia-Merken auch in der Ausstellung der Gyps-Copieen im Oumpo snnvto am Tom in Augen-schein nehmen kann, verdient der Kopf des Tempclbildes der Hera Beachtung, dessenErhaltung als besonders günstiger Zufall bezeichnet werden darf. Es ist dies ein Werkvon ausdrucksloser, maskenhafter Häßlichkeit. Dann aber beginnt das Leben der helle-nischen Kunst sich zu regen, die Behandlung der Muskulatur und des Fleisches wirdnatürlicher, die Bewegungen ungesuchter und freier, der Gesichtsausdruck sprechender.Auch das Compositioustalent entfaltet sich; in den spärlichen Resten eines Hochreliefs,welches den Giebel des Schatzhauses der Megareer füllte, haben wir eine der ältestenKampfesgruppen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit zufolge einen Gigantcnkampf.

Stufenweise werden wir in die Periode der reifsten Entwickelung der griechischenPlastik hineingeleitet um hier gerade enttäuscht zu werden. Der Stil der großenpeloponnesischen Künstler Polykletos und Lysippos ist nicht in Olympia vertreten, undaus der Werkstatt des größten attischen Meisters Phidias haben wir in den Sculpturendes Parthenon in Athen Kunstwerke, welche technisch sehr viel höher stehen, als dieTempelsculpturen von Olympia. Dennoch sind die letzteren immerhin von unschätzbaremWerthe; namentlich ist es ein Schüler und Nachfolger des Phidias , und zwarderseiner künstlerischen Weisheit nach ihm zunächst Stehende" (wie Pausanias meldet), denwir in Olympia zum ersten Male kennen lernen. Alkamenes hatte den Auftragerhallen, die Füllung des westlichen Giebelfeldes am Zeustempel anzufertigen; er wählteoder erhielt den Auftrag, den Kampf zwischen Lapithen und Kentauren zu bilden, undhat eines der leidenschaftlichsten, wildesten Schlachtbilder geliefert, das wir aus demAlterthum kennen. Die Betrachtung desselben, wie es in der Olympia-Ausstellungwieder hergestellt ist, kann als höchst lohnend bezeichnet werden. Die östliche Giebel-gruppe ist in einer weit weniger genialen Weise von Paionios angefertigt worden,einem thrakischen Künstler, dessen Nike, eines der am frühesten entdeckten Werke, ziemlichallgemein bekannt geworden ist. Dasselbe ist in der That eine großartige Lösung desProblems, eine vom Himmel zur Erde herabfliegende Frauengestalt plastisch darzustellen,und es zeigt das Können des Meisters in weit vortheilhasterer Weise, als jene Giebel-gruppe, die in der That erhebliche Mängel auszuweisen hat. Nicht quantitativ, aberqualitativ glänzend ist die jüngere attische Kunstschule in Olympia vertreten.

Der in ästhetischer Hinsicht werthvolle Fund der gesammten olympischen Grabungen,der schnell populär gewordene Hermes mit dem D i o n y s o s k n a b e n bietet daseinzige, völlig sicher aus der Hand des P r a x i t e l e s hervorgegangene Werk, welcheswir haben. Die Zeit der Diadochen ist schwach vertreten, dagegen sind werthvollestatuarische Bildwerke in großer Anzahl zu Tage gekommen, welche von römischen Kaisernund Großen nach Olympia gestiftet wurden. Sie bieten mit den glänzenden Bauten zu-gleich den Beweis, daß die alte Fest- und Culturstätte auch in der Kaiserzeit noch inhohem Ansehen stand.

An die Marmorplasti! reiht sich naturgemäß die T ö p f e r k u n st an. Ungewöhnlichzahlreich und zum Theil von großer Schönheit sind die in Olympia gefundenen Bau-Orna-wente, Zierglieder und Architekturtheile aus gebranntem Thon. Der Mangel an guten,bequemen zu bearbeitenden Steinsorten in jener Gegend mag diese Industrie in Olympiabesonders befördert haben. Einige dieser Terrakotten lassen deutlich erkennen, daß sieals Bekleidung hölzerner Balken verwandt wurden.

Wir konnten hier das Wesentliche in den am Alpheios gemachten Funden undEntdeckungen bestenfalls eben nur streifen. Wer auf dieses und jenes genauer einzugehen