Ausgabe 
(10.2.1883) 12
 
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Der Wirth zirm goldenen Lümmle.

In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurmwar einst der Wirth K.zum goldenen Läminle." Einstmals hatte auch der Alterthums-forscher-Verein eine Zusammenkunft in der Stadt und es fanden sich von allen Gegendenso viele Leute zusammen, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auch der heitereHerzog M. vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gaßhöfen ebenauch kein Quartier. Es wurde ihm sodann dasLümmle" empfohlen, wo er zwar einbescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf'die Donau und eine treff-liche Einsicht in Küche und Keller habe. Der hohe Gast machte sich auf den Weg,und obwohl es spät Abends war, entschloß er sich doch, dasLämmle" aufzusuchen. BeimEintritt wurde er von dein in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf das Freundlichste mitden Worten begrüßt:Sie hent heut wahrscheinle wo anders kein Quartier kriegt, sonstkämet Se net zu mir."So ist es", erwiderte heiter gestimmt der Herzog.Ichhabe befohlen meinen Koffer hierher zu bringen, im Falle ich hier bleiben kann."Ja wohl", sagte der Wirth,Sie g'fallet mir und obwohl i's Quartier heut' scho' hätt'zehnmal vergebe könne, so hab i' mir denkt, es kommt dcch no' was Besser's." DerHerzog meinte:Das Sprichwort sagt aber, eS kommt nichts Besseres nach."Aufd' Sprüch geh' i net", erwiderte der Wirth,i seh' den Mann an. Was wünschenSie zu trinken, Herr?"Eine Flasche Champagner!"Blitz, Sie müaßet heut'scho' guets G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn no' Champaninger saufet."Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagnermit zwei Gläsern servirte.Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog.I sauf aumit", erwiderte der Wirlh,denn i hab' heut an guete Geschäfte g'macht, no pasche merden Plunder raus."Wohlan", meinte der Herzog,bin einverstanden." DieFlasche wurde entkorkt und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemandengestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Eswar wenige Minuten nach elf» als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Kofferhereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika'sauf den Herzog zutrat und frug:Hoheit, wo habe ich den Koffer hinzuthun?"Dieswird der Wirth bestimmen", war die Antwort.Was? Hoheit?!" rief der noch immerfrappirte Wirth.Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Diessoll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit demGepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl."Blitz, Fix, Donner-wetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit! Weib komm rei, i kann die Schand alloi nettrage, hilf mir!"Du hast mi zum Trinka a net g'rufa, trag no die Schand alloi!"

No, so bring' dein Mohren was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerle?"Der Gast lachte und erwiderte:Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein,er wird nichts übrig lassen. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben."

Die Glocke des alten Münsters kündete mit zwölf Schlägen die Mitternacht: und

wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf und herein tritt mit schwerem Schritt kein

Schwarzgeborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Dieneram hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf denGastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worten:Höret Se, Ihr Herra, 's ischtZwölfe und d' Polizeischtond vorbei." Der Gastwirth darüber entsetzt, weil ein so sehrverehrter Gast gestört wird, erwiderte in ruhigem, aber ernsthaften Tone:Höret Siajetzt, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, und i be der Wirth mikennet Se, und daß der Bedeant da hinta koi Ulmer ischt, des meret Sie eam wohl

anseha." Und die Polizei ging beruhigt von bannen. Herzog M. v. B. freute sich

aber noch lange über den urwüchsigen Wirthzum goldenen Lümmle."