zur
„Ängslmrger postMimg."
Nr. 17. Mittwoch, 29. Februar 1883
Heimathlos.
Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb.
(Fortsetzung.)
2. Kapitel.
Einige Wochen waren verstrichen, seit Oscar von Solmitz das Gut der Mutterverlasse», um sich der glorreichen Siegesbahn des deutschen Heeres anzuschließen; still war, es auf der Besitzung und im Dorfe Solmitz geworden» denn wie die Gutsherrin, hattenauch viele Mütter im Dorfe ihren Söhnen das Geleit gegeben zum Auszug auf daSFeld der Ehre, wo das Vaterland seine Kinder heischt! Nur die Ankunft der Depeschenvom Kriegsschauplatz verfehlten nicht, aufregend die Einförmigkeit der Tage zu unter-brechen und Frau von Solmitz sorgte dafür, daß die Nachrichten stets rasch unter denGutsangehörigen verbreitet wurden, es schien überhaupt, als wolle, seit ihres SohnesEntfernung, die sonst so strenge, unnahbare Frau den Versuch wagen, sich populär zumachen. Sie spendete reichliche Beiträge zu den milden Stiftungen, den herrlichen,frommen, weißen Blüthen der Menschenliebe, die aus dem blutrothen Samen der Menschen-leidenschaft emporwuchsen, wie liebliche Kinder, die ihre Hände einend ausstreckend zwischenzwei zürnenden Eltern — aber die Erfahrenen des Dorfes sahen tiefer und waren sichwohl bewußt, daß das Wesen der Gutsherrin sich wohl ändern dürfte sobald der Terminverstrichen, der Leopold von Bernau, den Bruder Herminens von Solmitz, für verschollenund bürgerlich todt erklären und die Schwester in alle seine Rechte einsetzen werde.
Und dieser Termin rückte näher und näher, nur wenige Wochen noch und aufSolmitz selber sollte die Proklamirung verlesen werden.
Es war ein schwüler Tag, ermattet träumte die Natur, schmachtend nach erquicken-dem Regen, kein Vogel regte sich, kein Blatt rauschte, es war als ob die Schöpfung denOdem anhalte, lauschend auf die Töne, dem Menschenohr noch unerreichbar, die drobenschon erklingen möchten, am tiesdunklen Horizonte, wo sich in majestätischem Neigen Wolkean Wolke drängte.
Aus dem Hinterportal des Schlosses traten zwei junge Mädchen, das eine vonihnen war Alida Barfeld, Baronesse Fanny von Ebersdorf war die andere, die bestimmteBraut des abwesenden Sohnes vom Hause.
Die junge Baronesse war seit Oscar's Entfernung ein häufiger Gast auf Solmitzgeworden; eine seltsame Schüchternheit, die sie stets im Umgang mit Oscar und seinerMutter besing, war völlig gewichen, seit sie Gelegenheit gefunden, sich näher an Alidaanzuschließen, ein fast inniges Verhältniß war zwischen beiden entstanden; ein Verhältniß»das Hermine von Solmitz mit keineswegs günstigen Augen betrachtete und sobald sichnur die Möglichkeit es zu lösen zeigte, fest dazu entschlossen war. Mittlerweile indessenzeigte sie sich gegen die Waise verschlossener und einsilbiger als je, — aber Alida schienes kaum zu beachten. Sie hatte vollauf zu thun, denn ihre Tage und selbst halbeNächte brachte sie in unablässiger Arbeit für edle Zwecke zu, und ihre neue Freundinhalf ihr redlich bei diesem Bemühen.