Ausgabe 
(28.2.1883) 17
 
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Seltsamer Weise hatte, obwohl das Vertrauen ein enges Band zwischen beideMädchenseelen gewoben, noch keine von ihnen Oscar von Solmitz's Namen anders alsflüchtig erwähnt; es war, als ob eine jede von ihnen durch geheime Scheu verhindertsei, ihn zu nennen, in Einem aber begegneten sich die beiden jungen Herzen und vielleichtwar es dies eben, was sie sympathisiren ließ, ein geheimer Gram, ein oftmaliges schmerz-liches Selbstvergessen beherrschte die Baronesse Fanny von Ebersdorf so gut wie Alida;wohl glaubte die Waise, den Grund bei der neuen Freundin zu erkennen, wohl zu ahnen,daß dem Fernen, ihr halb Verlobten, das stille Sehnen gelte, aber sie zürnte ihr darumnicht, was konnte das liebliche bescheidene Kind für den Willen des Schicksals!

Die Baronesse war früh nach Solmitz gefahren, um Alida bei der Anfertigungeiner warmen Decke für einen Krankenstuhl, die zur Stadt gefördert werden sollte, zuhelfen, jetzt war sie im Begriff, sich zu verabschieden, um nach dem elterlichen Gute heim-zukehren und Alida Barfeld gab ihr zum Gartenthor das Geleit.

Es zieht ein Gewitter auf", bemerkte Fanny,fürchten Sie sich vor den Blitzen,Alida? Ich gestehe Ihnen, ich empfand stets eine ganz kindische Furcht, wenn der Strahlzuckt."

Alida lächelte.Und ich blicke gern in's Freie, wenn Blitz und Donner dieMajestät Gottes verkünden", erwiderte sie;ich erlabe mich am Anblick der neu gestärktenNatur und mein zagendes Herz erstarkt, wenn ich sehe, ivie Blatt und Halm, dem Ver-welken nahe, sich aufrichtet und neu ergrünt. Freilich, Frau von Solmitz darf dieseAeußerung nicht hören, ihr ist alles zuwider, was den Stempel der Sentimentalität trügt,aber ich glaube, Sie, Baronesse Fanny, Sie verstehen mich."

Fanny drückte der neuen Freundin die Hand.

Ich verstehe und fühle mit Ihnen, gewiß, liebe Alida, wenn ich es auch nicht soin Worten zu äußern vermag, wie Sie. Doch ich will Sie nicht aufhalten, denn derOberlieutenant, der schon seit einigen Augenblicken vergeblich hinter den Bäumen seineHelle Uniform zu verbergen sucht, würde nur zürnen, entzöge ich ihm noch länger seineholde Hausgenossi»."

Alida warf einen flüchtigen Blick nach dem Ort, den die Baronesse ihr bezeichnethatte; dort stand hinter dem dicken Stamm einer Buche die breitschuldrige Gestalt einesHerrn, im Anfang der dreißiger Jahre, in Offiziersuniform, sichtlich bemüht, den Augen-blick zu erspähen, der Alida nach der Abfahrt der Baronesse bei ihm vorüberführen mußte.

Ich werde den Weg zum Teich einschlagen", erwiderte das junge Mädchenundhoffe nicht, daß er mir dahin folgt, ich habe mich nicht über den Oberlieutenant zu be-klagen, aber dennoch weiche ich gern seinen Galanierien aus und freue mich, daß er mitheute dieses Haus und diese Gegend verläßt, um sich zum Kriegsschauplatz zu begeben,mir ist nicht wohl in seiner Nähe."

Grausame!" sagte Fanny lachend,soll er blutenden Herzens in den Krieg gehen?"

Doch sieh, es fällt ein Tropfen; rasch, Johann, spornen Sie die Pferde an, ehedas Gewitter aufzieht."

Im schnellen Trabe flog das leichte Gefährt dahin, nachdenklich blickte Alida ihmnach; dann schlug sie ohne sich umzuwenden und dem langsam aus seinem Versteck her-vortretenden Offizier einen Blick zu gönnen, den Weg zum Schloßteich ein, der sich amEnde des großen Gartens hart an der Parkgrenze befand.

Es war ein weites Bassin, crystallhell und von seltener Tiefe, an seinem Ufererhob sich ein allerliebster Pavillon, hier war der Lieblingsort des jungen Mädchens, andem sie manche Stunde, wenn sie sich frei von der Beaufsichtigung der Gutsherrin mußte,in den Gedanken an Oscar, in den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft verträumte.

Immer ^ängstlicher, immer drückender ward die Stille, die rings umher waltete,immer dunkler ballten sich die Wolkenmassen zusammen, zu schwül ward es ihr im Innerndes Lusthauses, sie setzte sich auf die kleine Holzbank, die an der Außenwand des ge«