Heimathlos.
Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschfeld.
(Fortsetzung.)
Herr von Alten verließ den Garten und eilte um das Schloß auf den freien Platzvor demselben, wo der Wagen seiner harrte. Noch einmal blickte er sich um, aber wievon einem unheimlichen Gefühl durchfröstelt, wandte er das Auge ab, auf der Freitreppeerhob sich die hagere, kalte Gestalt der Gutsherrin, die ihn mit förmlichen Neigen desKopfes begrüßte. Sobald der Wagen verschwunden war, wandte sie sich an ihren Ver-walter.
„Streland", sagte sie, „das Glück ist uns günstig; Alidens Gatte ist gefunden, ichbrauche mir keine Sorge über des Mädchens Zukunft zu machen. Der Oberlientenantvon Alten nimmt sie — ohne zu forschen woher — ich gab ihm mein Jawort und hättenicht die Zeit gedrängt, wäre noch heute die Verlobung abgeschlossen, aber ich will sofortmit Aliden reden/'
„Die Mühe, gnädige Frau, können Sie sich ersparen", entgegnste der Verwalter,„denn Herr von Alten hat sich bereits von Fräulein Barfeld einen Korb geholt."
Eine Bewegung des Zornes durchzuckte die Gestalt der Gntshcrrin, „es ist unmög-lich", sagte sie, die Lippen fest aufeinander gepreßt — „unmöglich."
„Ueberzeugen Sie sich selbst, denn da kommt sie eben", bemerkte Streland, zufälligeinen Blick nach den hohen GlaSthürsn werfend, die den Durchblick bis zum Gartengestatteten, und das junge Mädchen eben in's Haus treten sehend. Alida hatte sich ent-schlossen, ihren Lieblingsplatz zu verlassen. Sie wußte, daß Frau von Solmitz die ein-samen Ausflüge bei drohenden Gewittern nicht gern sah und war überzeugt, daß dieMutter Oscar's nach ihr verlangen würde, um ihr den Vorschlag des Lieutenants andas Herz zu legen. Wohl war sie auf eine stürmische Scene gefaßt, allein sie hatte den
festen Willen, ruhig zu bleiben und der Ausdruck dieser Willenskraft spiegelte sich in den
ernsten, aber sanften Zügen wieder, da Frau von Solmitz durch die Hausthüre derLorderfronte ihr am Fuß der Treppe entgegen kam.
Draußen war es mit jeder Minute dunkler geworden, dumpf grollte der Donnerdes nahenden Gewitters.
„Komm!" sagte Frau Hermine kurz, dem jungen Mädchen voranschreitend, „ichhabe mit Dir zu reden."
Willig folgte Alida der Dame, sie betraten denselben Salon an der Hinterseite desSchlosses Solmitz, in dem die Mutter des theuren Entfernten ihr entschiedenes Vetogegen ihres Sohnes Verbindung mit der Waise eingelegt hatte.
Absichtlich näherte sich die Gutsbesitzerin dein Fenster und veranlaßte dadurch Alida,ihr zu folgen, denn es war so dunkel im Gemach, daß sie kaum anders die Züge des
jungen Mädchens zu erkennen vermochte und Frau von Solmitz liebte es, den Eindruck
ihrer Worte in dem Antlitz der ihr Zuhörenden zu lesen.
„Alida", nahm sie nach einer kurzen Pause das Wort, „Du weißt, alle Weit-schweifigkeit, alle Sentimentalität ist mir verhaßt, daher laß uns in Kürze den Gegen-stand erledigen, den ich mit Dir zu verhandeln habe; der Oberlieutenant von Alten, ei»vermögender Mann, dessen Name kein Flecken verunziert, hat um Deine Hand angehaltenund ich wünsche, verstehst Du mich, ich wünsche, daß Du seinen Antrag acceptirst."
„Verzeihen Sie mir, meine gnädige Beschützerin, wenn ich diesen Wunsch nicht zuerfüllen vermag", entgegnete Alida bescheiden, aber fest; „in persönlicher Unterredungmit Herrn von Alten habe ich dankend seinen ehrenvollen Antrag bereits abgelehnt undals Freunde für das Leben sind wir geschieden."
Frau von Solmitz zwanz sich, die Ruhe des jungen Mädchens mit gleicher Kältezu erwidern.
„Da sprechen sie immer von Gefühl und stellt man diese Gefühlsmenschen auf die