— ^40 —
Da tönte ein lauter Schrei, ein Schrei des höchsten Entsetzens durch das Gemach,er kam von Alidens Lippen ihr Antlitz war bleich wie das einer Leiche und ihre Handdeutete auf das Fenster, hinter dem es auflohte in Heller Glut, trotz des strömendenRegens.
„Wehe Ihnen, wehe uns allen!" kaum vernehmbar drang es durch den Raum —„er ist todt — die Linde-es ist seines Todes Zeichen."
Starr richtete Hermine von Solmitz ihre Blicke in die Richtung, die Alidens Handandeutete. Da flammte sie jäh empor, von einem Blitzstrahl getroffen, die stattlicheLinde, die einst in früher Jugendzeit des Sohnes Hand gepflanzt, die Linde, die einMittler sein sollte zwischen dem Krieger auf dem Felde der Ehre und seiner Heimath.
Unwillkürlich zuckte sie zusammen. „Gott sei mir gnädig", flüsterten ihre bleichenLippen.
In der Mitte des Zimmers aber lag Alida auf ihren Knieen und barg in denHände» das Antlitz.
Draußen erlosch die Flamme; ein verkohlter Stamm, entlaubt, bis in's innersteMark getroffen, lag der herrliche, kräftig emporstrebende Baum am Boden, vom Regenüberströmt, als ob der Himmel seine Thränen darüber weine. Leise pocht es.
Das Geräusch drang nicht zu den Ohren der beiden Frauen, die bange, furchtbareAhnung nahm jede Regung ihrer Seele gefangen, eine peinliche, unheimliche Stille herrschteim Gemach.
Das Klopfen wiederholte sich und Herrn Streland's Fuchsgesicht ward auf derSchwelle sichtbar.
Langsam, fast zögernd trat er näher, eine peinliche Verlegenheit malte sich in seinenZügen.
„Gnädige Frau."
Frau von Solmitz zuckte zusammen.
„Was gibt's?"
„Gnädige Frau, es sind Neuigkeiten aus dein Kiege, soeben trifft ein Bote ausder Stadt ein. Eine große, glorreiche Schlacht bei dem Dorfe Gravelotte ist geschlagen,ein glänzender Sieg erfochten."
Von Alidens Haupt sanken die Hände, ihr todtcnbleiches Antlitz starrte auf denRedenden, als wolle sie jede Silbe von seinen Lippen lesen.
„Und weiß man schon Näheres", entrang es sich aus Frau von Solmitz Brust,„ist Oscars Regiment — Mann, Du bringst mir eine furchtbare Kunde", schrie sie auf,da Herr Streland sich abwandte, wie um eine Theilnahme zu verbergen, die er nichtempfand.
„Gnädige Frau, ich kenne Ihre Festigkeit", — zögernd kamen die Worte überStreland's Lippen, „jetzt gilt es, sie zu erproben — das Regiment des jungen gnädigenHerrn war engagirt und Herr Oscar ist unter den Vermißten — man fürchtet dasSchlimmste."
„Er ist todt! er sandte das Zeichen!" Gellend drang der Aufschrei aus Aliden'sBrust; aller Jammer, alle Verzweiflung des Herzens lag in ihm.
Plötzlich sprang sie empor; ihre Äugen leuchteten fieberhaft in unheimlichem Feuer,zwei rothe Flecken brannten auf bleichen Wangen. So dicht trat sie vor Frau vonSolmitz, daß die Gutsherrin erschreckt zurück wich.
„Sie drohten mir das Asyl zu rauben,- das ich Ihrer Güte verdanke und das ichoft genug mit Thränen und Qualen der Seele bezahlen mußte, — Sie sollen befriedigtsein. Möge Gott Ihnen gnädig sein und diese Stunde Ihnen nicht anrechnen am Richter-thron der Ewigkeit."
Sie stürzte aus dein Salon, mechanisch erhob sich Frau von Solmitz' Fuß, ihrnachzueilen, um sie zurückzuhalten, aber der Arm des Verwalters wehrte ihr.
(Fortsetzung folgt.)