Ausgabe 
(3.3.1883) 18
 
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Richard Wagner .

Biographische Skizze von A. Planer.

* Eine Sonne ist plötzlich am Himmel der Kunst hinabgesunken in dasNirwana"der ewigen Nacht, um schopenhauerisch zu reden, eine Sonne, deren feuersprühendesLeuchten das freundliche milde Licht anderer, ewiger Sterne zeilenweise zu verdunkelndrohte. Nun hat er Frieden gefunden der stürmischeTannhäuser " von alleinWähnen"in der stillen Gruft zuWahnfried ", und bald werden ihm Schlummerlieder singen dieVogel, die aus dem Süden kommen, aus dem Süoen, wo er so gerne weilte, wo erGenesung gesucht und Friede fand der Sänger desLohengrin" Richard Wagner .

An einem Herzschlage ist er am Nachmittag des 13. Februar in Venedig verschieden,in jener phantastischen Lagunenstadt, wo er einst, vor mehr als dreißig Jahren, begann,sein großes Nibelnngenwerk durch Töne zu beleben. Sein Wunsch, wenn es einmalsein müßte, schnell und schmerzlos aus der Welt zu scheiden, wurde erfüllt, aber seineHoffnung nicht, ein hohes Alter zu erreichen, um mehr und immer mehr wirken zu können,in's Große, Allgemeine. Dem Unermüdlichen, rastlos Wirkenden, sich nie genug Thuen-den, der immer auf Jahre hinaus seine Pläne gemacht hatte, ist nun ein jähes Endebereitet worden vom unerbittlichen Geschick.

Richard Wagner nie ist ein Künstler, einMeister" schon bei lebendigemLeibe in so überschwänglicher Weise gerühmt, gefeiert, glorifizirt und vergöttert, noch niesind einem Dichter und Musiker solche Ehren und Huldigungen, Huld und Gunst, Freund-schaft und Auszeichnungen hoher, höchster und reichster Personen, die Güter und Genüsseder Erde in so reichem Maße zu Theil geworden, wie dem modernenTannhäuser."Kann Ruhm und Erdengut den Menschen glücklich machen, dannhaben sie in Vayreuth den Glücklichsten der Glücklichen be-graben. Und doch ist der Wahlspruch:I? 6 r usporn nstrn" auch seineDevise gewesen. Keiner hat heißer kämpfen müssen, um aus der Tiefe sich emporzuringenbis zu den Sternen hinauf.

Die ersten 30 Jahre von Richard Wagners vielbewegtem Leben bieten keinerfreuliches Bild; seine Schicksale ähneln hier denen von so manchem jungen hochbegabtenMusiker, der von seinem Berufe ganz erfüllt ist, aber umher irrt,weder Glück nochStern" hat und keinen festen Grund findet, auf dem er sicher fußen und weiter bauenkann. Viele gehen in diesen Irrfahrten zu Grunde; die Wenigsten erreichen mehr alsein kleines Amt, einen beschränkten Wirkungskreis, und die Meisten bescheiden sich auchdabei. Für Richard Wagner waren aber die ersten 30 Jahrs seines Lebensin denen Viele sich schon ausgelebt haben gleichsam nur die Vorgeschichte seinesKünstlerlebens, die Urzeit seiner Entwicklung, das Traumleben vor dem Erwachen.

In engen bürgerlichen Verhältnissen wurde er am 22. Mai 1813, in einem kleinenHause im Brühl zu Leipzig , als neuntes und letztes Kind seiner Eltern geboren. SeinVater war Polizei-Actuar und starb noch in demselben Jahre. Seine Mutter (eine ge-borene Johanna Beetz) vermählte sich zwei Jahre später wieder, mit dem Schauspieler,Portraitmaler und Schriftsteller Ludwig Geyer, welcher aus dem kleinen Richard Etwasmachen wollte." Die Familie zog nach Dresden . Aber auch der Stiefvater starb, alsRichard erst sieben Jahre alt war, und die Erziehung des Knaben war nun ganz derMutter anheimgegeben.

Der allererste Bildungsgang Richards war von dem anderer junger Leute keines-wegs verschieden. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule, denn er wollte studieren undgalt in der Schule als ein guter Kopf in litteris; an Musik wurde nicht gedacht. SeinStiefvater hatte ihn zum Maler machen wollen, Richard war aber sehr ungeschickt imZeichnen; heimliche Versuche im Clavierspielen sielen ebenso wenig ermunternd aus. Mit11 Jahren wollte Richard Dichter werden; zwei Jahre lang arbeitet er an einen: großenTrauerspiele nach dem Vorbilde Shakespear's , nachdem er zuvor Tragödien nach griechi-