Nr. 20.
Samstag, 10. März
Heimathlos.
Eine Erzählung aus längster Zeit von Hermann Hirsch selb.
(Fortsetzung.)
Der Knabe schritt voran und bald war er am Ziel. Es war das Haus einesTischlers, in das er Alida führte; das kleine Gebäude trug äußerlich keine Spur derVerwüstung, aber im Innern sah es um desto schlimmer aus, die Einquartirung wechseltevon Tag zu Tag und außerdem lagen mehrere Verwundete in den Räumen.
Der Knabe öffnete die Thür zu einer hellen Kammer. „Dort liegt der fremdeMann", flüsterte er dem jungen Mädchen zu» auf das dürftige Lager deutend, das ander Langseüe des Raumes, dicht am Fenster aufgeschlagen, „die Mutter ist bei ihm."
Eine junge, einfache Frau erhob sich bei dem Eintritt Alidens.
„Da liegt der arme Mann", sagte sie leise, ihr entgegenkommend, „er ist typhus -krank, unrettbar verloren und hat nach einer grauen Schwester verlangt; ich glaube, erhat etwas auf dem Herzen, sprecht Ihr mit ihm, ich bin eine schlichte Frau und kann ihnnicht verstehen."
Das junge Mädchen näherte sich dem Bette. Auf ihm lag ein bleicher Mann, ermochte etwa in den fünfziger Jahren stehen, sein Haar, wie der volle Bart, der seinbleiches Gesicht umrahmte, war stark mit Grau untermischt, aber die Augen leuchtetenin Hellem, fieberhaften Glanz und die geschlossenen Lippen murmelten leise Worte» dieAlida als englisch erkannte.
Sie trat dem Bett vorsichtig näher und warf einen Blick auf den Kranken, indessen Züge der unerbittliche Tod bereits sein Zeichen geprägt hatte, ein seltsames Gefühlbeschlich sie, da sie des Sterbenden große dunkle Augen mit starrem Ausdruck auf sichgerichtet sah, ihr war's, als seien ihr diese Augen nicht fremd, als habe sie in diesesMannes Antlitz schon früher geblickt.
Der Leidende machte eine hastige Bewegung, als er des jungen Mädchens ansichtigward. „Ella", murmelte er in englischer Sprache, „Ella, kommst Du schon, mich zuholen? —"
„Hier ist eine fromme Schwester, nach der Ihr so inbrünstig verlangtet, nachdemIhr durch den Beistand des Priesters Euch mit Gott versöhnt. Soll ich Euch mit ihrallein lassen?"
Der Kranke neigte das Haupt zum Zeichen der Bejahung, die Frau winkte demKnaben und verließ das Zimmer.
Der Sterbende versuchte sich emporzurichten, Alida unterstützte ihn, ihre Handzitterte es war das erste Mal, daß sie Hülfe leistete.
„Sie sprechen englisch , fromme Schwester?" fragte der Sterbende. „AchtzehnJahre lebte ich tief in den Prairien Südamerika's und meine Muttersprache ist mir fremdgeworden, wenn auch mein Herz an meiner Heimath mit gleicher Treue hing."
„Ich verstehe Sie", entgegnete Alida in demselben Idiom, „nur müssen Sie etwas