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Nachsicht mit mir haben. Vergönnen Sie mir vor allein die Bemerkung, ich gehöre nichtdem Stande an, den Sie wähnten, keine Ordens-Regel bindet mich, allein ich bin einMädchen, das sich, nachdem sie alles verlassen, was ihr lieb und theuer auf Erden, dirAufgabe gestellt den Leiden der Seele, den Leiden des Körpers sich zu weihen, und selberlechzend nach Trost und Hülfe, däuchte es mir eine Fügung Gottes, als eines holden,unschuldigen Kindes Stimme mich an das Bett eines Trostbedürftigen rief. Kann ichIhnen helfen, kann ich Ihnen dienen, sprechen Sie, je härter die Aufgabe, je dornen-voller, um so mehr des Glückes soll sie mir gewähren."
„Armes Kind", sagte der Fremde leise; „so jung, so gut und unglücklich; ist mirnoch eine längere Frist des Daseins vergönnt, als ich glaube, denn meine Krankheit isttödtlich und mein Leben zählt nach M nuten, so wollen wir Leid um Leid tauschen, aberjeder Sterbende ist egoistisch und ich habe noch eine Pflicht, habe noch einen Auftrag zuhinterlassen; nicht ruhig könnte ich sterben, wüßte ich ihn nicht in treue Hand gelegt;nur ein mildes Frauenherz kann mich verstehen, nur ein Weib allein mir verzeihen, wasich an einer der Holdesten ihres Geschlechtes beging.
„Und Sie, Kind, Sie werden es, denn wie ein Engel der Milde und Vergebung,von Antlitz ähnlich dem Opfer meines sträflichen Leichtsinnes, erschienen Sie mir, undmit Himmelsglanz erfüllt sich dieser elende Raum.*
Er hielt erschöpft inne, aber die Unruhe ließ ihn nicht lange rasten.
„Sie sehen einen Elenden, einen Verrüther an: Heiligsten der Erde und des Himmelsvor sich", nahm er von Neuem das Wort, „wollen Sie eines Solchen Geständnisse ver-nehmen, wollen Sie die Aufträge erfüllen, die der Sterbende tief, tief bereuend Ihnenübergeben will?"
Empor hob Alida ihre Hand. „Ich will es, so wahr Gott mir helfe", sagte siefeierlich, „armer Mann, daß Sie gelitten, daß Sie gebüßt — das sagte mir die Sym-pathie, die ich, gleich Ihnen, empfand, als meine Blicke auf Ihr Antlitz fielen. Undjetzt reden Sie, was ein armes» verwaistes Mädchen, das nichts besitzt als einen festenWillen, vermag, es soll geschehen."
Der Sterbende streckte die welke, abgezehrte Hand unter der Decke hervor und drücktedes jungen Mädchens Rechte.
„So hören Sie. Ich stamme aus einen: altadeligen Geschlecht Deutschlands ; vonNatur gutmüthig, wäre es leicht gewesen, mich zu einen: ehrenwertheu Manne, einemwürdigen Mitglied des echten Adels zu bilden, allein man verstand nicht, einen wildenleidenschaftlichen Knaben in Schranken zu halten, das sanfte Joch der Liebe, das nureiner Mutter Hand zu leiten versteht, es fehlte meiner Jugend. Mein Vater kümmertesich wenig um mein Treiben und meiner Schwester Charakter war so schroff und starr,,tvie der meine weich unv jeder Regung zugänglich, sei sie gut oder böse. Unser Vaterstarb früh, meine Schwester verehelichte sich mit einem Edelmanne und verließ mit ihmdie Provinz. Ohne Anhalt nur selbst überlassen, gab ich allen verderblichen Leidenschaftenmißleiteter Jugend nach und die Schmarotzerschaar falscher Freunde wußte sie zu nährenund von ihnen zu zehren bis sie das letzte Mark aus der Frucht herausgepreßt undhohnlachend die morsche Schnale bei Seite warf."
Er hielt inne, kalter Schmeiß trat auf seine Stirn, die Anstrengung des Redenserschöpfte sichtlich seine Kraft.
Auf einem Tischchen vor dem Bette stand ein kühlender Trank, Alida benetzte mitihn: die Lippen des Leidenden und bald öffnete» sich die Augen auf's Neue.
Man las in den wachsbleichen Zügen des Sterbenden die feste Willenskraft, mitdem Tode zu ringen, bis er seine Mittheckung vollendet.
Rascher fielen die Worte aus seinem Munde, als begreife er, wie kurz die SpanneZeit sei, die ihm zugemessen, und er wollte sie benutzen.
„Nuinirt an Körper und Vermögen, siech und zerfallen, von Gläubigern bedrängt",fuhr er fort, „verließ ich die Residenz, wo ich bisher als Meteor der goldenen Jugend