Ausgabe 
(10.3.1883) 20
 
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geglänzt, wenn auch die eigene Jünglingszeit schon längst hinter mir lag. Ich führteein unstetes Wanderleben; bei meiner Schwester ein Asyl zu suchen, hätte ich nimmer-mehr vermocht eher hungern» eher betteln, als Gnadenbrod empfangen."

Auf meiner Irrfahrt gelangte ich in ein kleines Gebirgsstädtchen Thüringens , eswar ein stiller, entlegener Winkel, dort endlich hatte ich Ruhe vor meinen Gläubigern,die mich mit Zähigkeit verfolgten, es war ein traulicher Ort und doch hätt« ich die Ein»tönigkeit des Lebens nicht zu ertragen vermocht, hätte nicht die Liebe meine Verbannungversüßt; zum ersten Male lernte ich, bisher nur von schäumender Leidenschaft berauscht,die wahre innige Liebe kennen; ein schlichtes Mädchen, einer Lehrerwittwe Tochter, hattemeine Seele gefesselt und Frieden in ihre sturmbeivegten Wogen gegossen.

Nur einen Weg gab es aber für mich, den Besitz der Geliebten zu erringen, undich wählte in allem Leichtsinn diesen Weg, unbekümmert um seine Folgen ich reichteElla Härtung, der Tochter des Landschullehrers in einem Neste Thüringens meine Hand,die Hand Leopold's von Bernau und erhob sie zu einem Mitglied eines der ältestenGeschlechter Deutschlands ."

Abermals trat eine Pause ein, mit zitternder Hand berührte Alida des SterbendenStirn, mächtig, mit unbeschreiblicher Regung, ergriffen sie die Worte desselben.

Fest preßte er seine Lippen zusammen, er wollte nicht unterliegen, bis er zu Ende war.

Freilich hielten wir die Ehe geheim", redete er weiter,ich wollte kein Aufsehenerregen, und nach wie vor lebte Ella im Hause ihrer Mutrer, ich wußte, ich konnte aufihre Verschwiegenheit zählen, um so mehr, da sich die betreffenden Papiere in dem Besitzemeiner Gattin befanden und nur der Geistliche des Ortes um unser Geheimniß wußte."

Ein halbes Jahr lang trug ich die Fesseln, die das junge Glück noch unter Nosen-ketten verbarg aber schon sehnte sich mein rastloser Geist nach Veränderungen, schonerweiterte meine Sehnsucht die engen Grenzen, die ich mir selber gezogen. Auch bis inmein stilles Asyl verfolgten mich meine Gläubiger, sie hofften, sobald sie nur meinerPerson habhaft zu werden vermochten, meine Verwandten würden schon meine beträcht-lichen Schulde» bezahlen und mich aus ihrer Tyrannei befreien. Da kam der alte Geistder Leidenschaft über mich, der jedes Zwanges spottete» keine Rücksicht kannte und alseines Morgens die Sonne aufging, lag der Rest meiner Baarschaft vor dem Bette Ella's,mich selbst aber fand sie weit, weit entfernt, auf dem Wege nach Hamburg , mein Weibhinter mir lassend und mein Kind, das des Lichtes in ihrem Schooße harrte."

Wehe Euch, wehe Euch", rief Alida bebend.

Ich war nicht schlecht, ich wollte die Einzigen nicht verlassen, an denen mein Herzhing, aber es kam anders; in St. Louis angelangt, erkrankte ich schwer; Monde ver-gingen, und als ich zu neuem Dasein erwachte, war niir meine europäische Vergangen-heit wie ein schwerer, drückender Traum, den ich von mir streifte, erwachend in derwonnigen Luft der Freiheit; mit vollen Zügen erschöpfte ich, am Tage hart arbeitend,in wild durchschwärmten Nächten des Lebens berauschende Genüsse und als ich auchdieser Existenz müde geworden, da flüchtete ich in die unendlichen Prairien, das nimmerlöschende Feuer, das mich verzehrte, zu dämpfen in lobender Jagd auf Büffel und Bär,in wildem Kampf der Gewalt und der List mit den Nothhäuten. Sechszehn Jahre ver»gingen so, sechszehn lange Jahre, wie ein einziger Augenblick."

Und was führt Euch nach Europa zurück, was ward aus dem armen Weibe,was aus dem Kinde, das nimmer in des Vaters Antlitz blicken durste?" Fast athemloSbrachte Alida die Frage hervor, so seltsam war's ihr, so beklommen, als hinge ihr eigenesGeschick von des Sterbenden Rede ab, und doch war er ihr so fremd.

Schwerer hob sich des Sterbenden Brust, keuchender ward sein Athem.,

Müde kehrte ich einst von der Verfolgung eines Jndianertrupps in mein Block-haus zurück, ich fühlte mich abgespannt, beinahe leidend, zum ersten Mal drängte sichdasWarum", die große Frage unseres Daseins, in meine Seele.

Da stiegen sie empor, die Erinnerungen, die lang gebannten, wie drohende Rache-