Ausgabe 
(10.3.1883) 20
 
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gespenster, da kostete ich alle Schrecken des Schuldbeladenen in der Einsamkeit, ich fühltemein Blut sieden, wie Bjahnsinn tobte es in meinen Schläfen. Der Cherry, zu dein ichZuflucht nahm, linderte nicht meine Pein, ich schmachtete nach einem betäubenden Mittel,das ich vor Jahren einst in einer Apotheke gekauft und achtlos in dem Koffer geborgen,den ich aus Europa mitgebracht; vielleicht vermochte es noch zu wirken, wenn ich es.fand. Ich durchwühlte die Effekten, da fiel ein Bild in meine Hand, und meine Blickehefteten sich darauf, ein Antlitz so rührend, so mild, schaute mir wie bittend entgegen,ein Mund, der nimmer fluchen konnte des Verräthers, fragte so wehmuthsvoll, was <thatest du? Es war meines Weibes Bild, das Bild meiner Ella."

Eine Stille entstand in dem kleinen Raume, lautlos flössen Aliden's Thränen, soweh war ihr's um das Herz, als drohe es, seine Hülle zu sprengen.

Weinen Sie, theures Kind", sagte der Sterbende tief bewegt,auch meine Zährenflössen, wie ein Felsbach, der, lange zurückgedämmt, die Ufer überfluthet und steinigesLand urbar macht, so schmolzen sie die Rinde meines Herzens, das die Jahre verhärtet alle besseren Gefühle, die einst darin geschlummert, tauchten mächtig empor, wie inHimmelsklarheit. Heim tönte es in mir, heim, zu meinen, deutschen Vaterlands,heim zu ihr, zu ihren Füße», Verzeihung zu erflehen, zu meinem Kinde, um es an dieVaterbrust zu drücken. Dieses Bild, es verließ mich nimmer, in jener Stunde entstandder Zauber, der mir ein neues Dasein erschließen sollte."

Mit diesen Worten zog er ein kleines Miniaturportrait hervor, das er auf derBrust barg und reichte es dem jungen Mädchen. Durch den Schleier ihrer Thränenschaute Alida auf das liebliche Antlitz aber plötzlich zuckle sie zusammen, ein erstickterSchrei entrang sich ihrer Brust, ihre Knie versagten ihr den Dienst und halb bewußtlosbrach sie am Bette des Sterbenden zusammen.

Bernau versuchte sich empor zu richten, aber hülflos sank er auf das armseligeLager zurück.

Um Gottes willen, armes Kind, was bewegt Dich, was ist Dir geschehen?"

Mit der furchtbarsten Anstrengung, ihre Erregung zu bemeistern und Fassung zuerringen, raffte sich Alida empor.Nichts, nichts" sagte sie hastig obwohl ihreStimme kaum vernehmbar war,ein plötzlicher Schwindel aber weiter, weiter laßtwich Alles wissen."

Der Nest ist kurz, ich kehrte nach Thüringen zurück achtzehn Jahre waren seitmeiner Flucht verschwunden, mich kannte Keiner mehr, der Pfarrer, der einst meine Ehemit Ella gesegnet, war versetzt, eine neue Welt war in diesem Thal entstanden, die Modehatte es zu ihrem Aufenthalt erkoren und mein Weib fand ich dort nicht; Ella Härtung»so lauteten die Worte der Aelteren im Dorfe, die sich der Lehrerstochter entsonnen, seieines Schwindlers Beute geworden und bald, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben,und ihre alte, verzweifelnde Mutter unter des Grabes Hügel gebetet, mit dem Töchterchenin die weite Welt gegangen und nun wohl längst verdorben und gestorben."

Alida hatte das Haupt wie müde auf den Holzrand des ärmlichen Lagers gelegt.

Verdorben und gestorben", tönte es leise klagend wie ein Echo von ihren Lippenwieder.

Der Sterbende legte seine Hand auf das Haar des jungen Mädchens, schon warendie Finger steif und kalt, aber Alida durchzuckte die Berührung, als ob eine Gluth aufihrem Scheitel brenne.

Ehe ich weitere Nachforschungen begann", fuhr der Sterbende fort,entdeckte ichmich dem Geistlichen des Ortes, einem würdigen Greise, er versah mich mit der beglaubigtenKopie aller Dokumente, die auf meine Heirath und meines Kindes legitime Geburtdenn einem Töchterchen hatte Ella das Leben gegeben Bezug hatten. Ich selber theilteihm meine Muthmaßung mit, daß sich mein Weib, nachdem sie sich von mir verlassensah, an meine Schwester, deren Name und Aufenthalt ihr bekannt war, gewendet habenmochte; der würdige Pfarrer übernahm es, mir Auskunft zu verschaffen und brachte mir