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Drei Tage verstrichen in peinlicher Aufregung, gewitterschwül wie die Athmosphärelagerte es über dem Hause Solmitz. Das Gerücht, das nimmer rastende, das seineSchatten durch alle Hüllen wirft, mit denen man den Thatbestand selbst zu verschleiernsucht, war nicht müßig gewesen, und hatte rasch in Schloß und Dorf die Kunde ver-breitet, daß ein Unfall den Erben des Hauses betroffen. Nähere Erkundigungen einzu-ziehen, war unmöglich, denn die Gutsherrin kam nicht aus ihrem Kabinet hervor undStreland, der Verwalter, der seine Tage auf der Landstraße zwischen der nahen Kreis-stadt und dem Gute verbrachte, wich jeder Frage aus.
Am dritten Abend ließ er sich bei Frau von Solmitz melden; es war bereits dunkelgeworden, und die mit einem Schirm bedeckte Kuppellampe brannte auf dem Schreibtichder Schloßherrin, das Licht warf eben seinen Schein auf Frau von Solmitz und unwill-kürlich drängte sich dem Verwalter die Bemerkung auf, daß diese kurze Spanne Zeit"nngereicht habe, die Züge der Dame zu verändern; es war, als ob ein milder Haucharüber gegangen und das sonst so kalt und streng blickende Auge war geröthet wie vonvergossenen Thränen.
Stumm heftete sie ihren Blick auf den Verwalter, erst als Streland schwieg, alssuche er nach einer Einleitung seines Berichtes, fragte sie: „Sie haben Nachricht, redenDie, mit einem Schlage die fürchterlichste Qual eines Mutterherzens zu enden — dieUngewißheit; hat man Nachrichten über den Verbleib meines Sohnes, ist er todt?"
„Danken Sie mir, gnädige Frau, wenn ich Sie vor übereilten Schritten zurückhielt", erwiderte der Verwalter, der gern die Wichtigkeit seiner Person in den Vorder-grund stellte, „nie war Ihre Anwesenheit auf Solmitz, abgesehen von der Ceremonie derTodeserklärung Leopold's von Bernau, deren Termin in vier Wochen abgelaufen, nöthiger'ls jetzt. Gnädige Frau, Ihr Sohn, Oscar von Solmitz, ist gefunden; für eine Leiche hieltman ihn, da hülfreiche Johanniter den leblosen Körper vom blutgetränkten Boden er-hoben, aber schon im Begriff, ihn der Erde zu übergeben, entdeckte man, daß sich nochder Athem rege in der durchschossenen Brust."
Wie ein Aufjauchzen drang eS aus Frau von Solmitz Brust empor.
„Er lebt?"
„Ja, er lebt und mehr noch, seine Wunde, obwohl schwer und ernst, gestattet denTransport; schon ist er unter sorgsamer Hut auf dem Wege hierher und in wenigenTagen können wir ihn auf Solmitz erwarten."
„Mein Sohn!" Wie ein Heller Glanz flog es über der Mutter Antlitz, aber eswar die letzte Regung der weichern Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, seit dieverhängnißvolle Kunde mit dem bedeutsamen Zeichen zusammentraf, als ihr der jung»schwärmerische Mann beim Abschied verheißen. Nun, da sie wußte, daß er lebte, schämte''sie sich fast ihrer Schwäche.
„Es soll alles zu meines Sohnes Empfang vorbereitet werden", sagte sie, „undmit Gottes Hülfe dürfen wir ihn ganz der Genesung zurückgeben, nur eines, Streland,eines macht mir bei seinem excentrischen Charakter Sorge; nicht alles findet er auf Solmitzwieder, wie er es verlassen, wenn er nach Alida fragt, nach ihr verlangt? —"
„So tritt die Baronesse Ebersdorf an sein Lager und in Kurzem wird die Seifen-blase seiner Jugendideale verschwunden sein, wenn Sie sich ferner meiner Leitung unter-ziehen. Ein Kranker kann nicht immer ungeschminkte Wahrheit vertragen, nicht seinet-willen muß Alida das Haus Solmitz verlassen haben, sondern um der Weisung zu folgen,die dieser Brief des Oberlieutenants von Alten enthielt und den er ihr zu übergebenmir am Tage seines Scheidens anbefohlen."
„Sie haben ihn geöffnet?" fragte Frau von Solmitz lebhaft.
„Ja", entgegnete Streland, „denn der ihn geschrieben, ist nicht mehr. Soeben bringtder Telegraph die sichere Kunde, daß der Oberlieutenant von Alten bei einem Eisen-bahnunfall verunglückt und als Leiche gefunden ist.
Dieser Brief aber enthält die beschwörende Bitte an Alida Barfeld, unser Haus,