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das ihr kein Glück zu gewähren vermag, zu verlassen und sich in den Schutz seinerSchwester, einer verwittweten Schloßherrin im südlichen Frankreich , zu begeben, die ervon allem unterrichtet. Dieser Brief, sorgfältig wieder geschlossen und sobald es deSjungen Herrn Zustand erlaubt, ihm eingehändigt, wird ihn Alidens Verschwinden raschvergessen lassen und sollte sie wirklich nochmals den Solmitz'schen Boden betreten, sei eSunsere Sorge, sie den Sohn des Hauses als glücklichen Gatten der Baronesse Fannyvon Ebersdorf antreffen zu lassen."
„Sei es, wie Sie vorgeschlagen", erwiderte Hermine, „so tief bin ich von derSchuld umstrickt, daß eine mehr oder weniger in der Waage nicht zählt. Ach, Streland,es ist doch immer meine Nichte, ist meines Bruders Kind, die ich hilflos und allein weißin der Welt, inmitten eines Chaos entfesselter Leidenschaften. Wenn es wirklich eineVergeltung gäbe und Leopold von Bernau sie einst am Throne des Weltenrichters —— doch komme es wie es will. Oscar ist frei von aller Schuld und der Erbherr aufSolmitz braucht nicht von einer Proletarirrtochter sein Glück zu empfangen."
3. Kapitel.
Ein wüstes Durcheinander herrscht in Pont L Mouffon; einig« Tage vorher warjene entscheidende Schlacht geschlagen, die das Schicksal der Festung Metz besiegelt«. Mitblutig schweren Opfern war der; Sieg errungen und ein nur allzusichtbares Zeugniß legteder Ort davon ab, in dem sich das Hauptquartier des Königs von Preußen befunden;jedes nur einigermaßen bewohnbare Gebäude war zum Hospital eingerichtet, an allenEcken und Enden begegnete man Gestalten des Leidens in Körben und auf Bahren,theils zu den iniprovisirten Heilstätten, theils zu den Eisenbahnzügen geleitet, die sieweiteren Pflegestätten zuführen sollten. Aber auch das minder trübe Bild des Kriegesfehlte nicht, zwischen allem Elend, allem Jammer tönte das wirre Durcheinander der ver-schiedensten Stimmen, Fouragewagen und Kanonen rasselten, in unaufhaltsamer Reihen-folge und in bunter Menge schwirrte und wirrte es durcheinander von Johannitern,Ordonanzen, barmherzigen Schwestern, Geistlichen und allen Repräsentanten des endlosenGefolges, das sich Humanitätszwecken geweiht oder durch Geschäftsinteressen veranlaßt,der kriegerischen Wolke anschließt, die verderbenbringend dahinbraust.
Inmitten alles Menschentreibens stand ein junges Mädchen in einfach hochreichendemKleide, einen kleinen Handkoffer im Arm, einsam und rathlos da, es war Alida Barfeld;sie hatte nicht Rast gehabt noch Ruhe, zu den blutgetränkten Feldern der Ehre hatte essie getrieben, um, falls es ihr nicht vergönnt sein solle, ihn lebend, wenn auch verwundet,wieder zu finden, und seiner Pflege sich zu weihen, den Boden mit ihren Thränen zunetzen, der seine irdische Hülle deckte, ehe sie ihr junges Dasein in irgend einem stillenErdenwinkel begrub.
Einer Gesellschaft grauer Schwestern hatte sie sich angeschlossen, die gern und willigdas junge Mädchen in ihren Schutz genommen hatten. Bis hierher war sie glücklich mitihren frommen Begleiterinnen gelangt, aber die Verwirrung, die ringsum herrschte, dasunbeschreibliche Gedränge hatte sie von ihnen getrennt und soeben noch war es ihr ge-lungen, zu erfahren, daß ihre Beschützerinnen in Folge erhaltener Weisung Pont L Mouffonschon wieder verlassen, um sich nach Weißenburg zurück zu begeben. Viel hatte sie nachdem Regiment gefragt, in dem Oscar von Solmitz gestanden, dasselbe war bereits inweiter Ferne; wo es augenblicklich stand, wußte keiner genau dem jungen Mädchen an-zugeben und über Oscar selber vermochte sie eine zuverlässige Kunde nicht zu erhalten.
Trostlos stand sie da; jetzt allein auf sich angewiesen, trat erst das „Warum" unddas „Wohin" an ihre Seele; die ganze Abenteuerlichkeit ihres Unternehmens war ihr»nt einem Schlage klar geworden. Wenn es ihr wirklich gelang, Oscar aufzufinden,obwohl sie fest von seinem Tode überzeugt war, mit welchem Recht sollte sie seine Pflegebeanspruchen, wenn er verwundet, mit welchem Vorwand gar ihm gegenüber treten, wenner unverletzt geblieben und nur ein Zufall war, was sie in ihrem überreizten Nerven-leben für ein Zeichen des Schicksals gehalten? Da tönte der Ruf einer Mannesstimme