an ihr Ohr, die mit dem Ausdruck der höchsten Ueberraschung ihren Namen nannte; soschwach sie immer war» diese Stimme war ihr nicht fremd und sich hastig umwendend,gewahrte sie auf einem von zwei Wärtern getragenen Krangenstuhl Paul Halsen, denWaffengefährten und treuen Diener des jungen Herrn von Solmitz.
Durch die Menge sich Bahn brechend, eilt sie zu ihm hin. „Gelobt sei Gott !"rief sie, „Ihr seid es, Paul — Ihr lebt — o gebt mir Auskunft, was ward ausOscar? —"
„ArmeS Fräulein", sagte der Müllerssohn theilnehmend, „gewiß sendet Euch diegnädige Frau, und ich mit meinen zerschossenen Füßen kann Euch nicht schützend zur Seitestehen in all' diesem Trouble, kehrt heim, Fräulein, kehrt heim, es ist alles, alles aus."
Ein Nebel schwamm vor Alidens Blicken, sie hörte nicht das Wogen und Brausenum sich herum, sie horchte nur auf des Soldaten Worte.
„Er ist todt?" wie ein Hauch kam es über ihre Lippen.
„Er fiel an meiner Seite, fast gleichzeitig mit mir getroffen, ich kämpfte mit demeigenen furchtbaren Schmerz ihm zu helfen. „Eine Kugel hatte die gute treue Brustdurchbohrt, aber es half alles nichts, die Nacht b^-ach an, man hat uns nicht gefundenund wir lagen hinter einer Hecke zwischen mehreren gefallenen Kameraden. Lassen Siees gut sein, Fräulein, was soll ich Ihnen viel erzählen, ich sah sein Auge brechen, daschwand auch mir die Besinnung und als ich erwachte, lag ich in einer Ambulante; vier-undzwanzig Stunden waren verstrichen; von meinem jungen gnädigen Herrn aber mußtekeiner etwas mehr, den haben sie wohl auf dem Felde der Ehre eingescharrt."
Der arme Bursche weinte bitterlich bei diesen Worten, aber keine Thräne entrannAliden's Augen. Was ihr als gewiß gegolten, war durch Paul's Erzählung nun zurunumstößlichen Thatsache geworden. Oscar von Solmitz, der Jugenvfreuno, der Geliebte,war todt, was brauchte sie bessere Zeugen?
„Man will mich nach Berlin zur Heilung schicken", fuhr Paul Halsen fort, „ichmöchte nicht eher in meiner Eltern Haus wiederkehren, als bis ich, wenn auch an Krücken,zu Ihnen durch die Thüre marschiren kann; doch meine Freunde, die Krankenwärter,werden ungeduldig, sie haben noch viel zu thun, darum Gott befohlen und auf einfröhliches Wiedersehen.
Die Träger, die schon lange sichtliche Zeichen der Ungeduld hatten merken lassen,die zu äußern nur der Respekt gegen das junge Mädchen sie zurückgehalten, hoben denVerwundeten empor und brachen sich Bahn durch das Gewühl. Alida beachtete kaum, daßsie auf's Neue allein stand, ein führerloses Fahrzeug inmitten tosender Meereswogen.
„Bist Du eine gute Schwester?" Schüchtern klang eine Kinderstimme an das Ohrdes jungen Mädchens und eine leichte Hand berührte den Sanm des Kleides der Waise;„bist Du eine gute Schwester?" fragte dieselbe Stimme noch einmal, da Alida, in ihrerStarrheit versunken, nicht einmal vie Augen vom Boden erhob.
Nun schreckte sie auf; vor ihr stand ein kleiner etwa achtjähriger Knabe, rosig und
blondlockig, er war es, der die Frage gethan hatte.
„Was willst Du, mein Kind?" ohne zu wissen, daß sie redete, kam es von AlidensLippen. —
„Wir sind Deutsche, gute Schwester und nicht geflohen", sagte der Knabe fast stolz;„wir wollten unseren Landsleuten beistehen und haben sechs Verwundete im Hause. Der
kranke Herr aber, aus Amerika , will sterben und möchte gern eine von den guten Schwestern
sehen, da bin ich auf den Markt gelaufen, Dich zu holen, nicht wahr, Du kommst mitzu dem armen blinden Mann, der nicht einmal ordentlich deutsch sprechen kann und weit,weit her ist aus Amerika ."
Wie ein elektrischer Funken schienen des Knaben Worte der Seele des jungenMädchens neue Spannkraft zu geben.
„Ein Leidender, ein Sterbender bedarf des Trostes, vielleicht mehr des Trostes derEieele, als Linderung der körperlichen Schmerzen." Konnte sie zögern, eine heilige Pflicht