Ausgabe 
(14.3.1883) 21
 
Einzelbild herunterladen

zm

Nr. 21.

Mittwoch, 14. März

1883.

Heimathlos.

Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch seid.

(Fortsetzung.)

Eine seltsame Veränderung ging i» dem Antlitz des Sterbenden vor» es war, alsob noch einmal der Todesengel seine Flügel senke und Leben und Bewegung zurückkehre,wenn auch nur wie ein flüchtiger Hauch.

Blein Kind meine Tochter", stammelte er,des Herzens Stimme sprach zumir und doch es kann nicht sein es wäre zu viel des Glückes Beweise, Beweise!"

Kennst Du dies Medaillon?" Und vor des Sterbenden Auge hielt Alida dasunscheinbare Kleinod, das der Eltern Bild enthielt,in des unverständigen Kindes Handdrückte es die Hand der sterbenden Mutter, aber so flehend war ihr Blick, so ausdrucks-voll die Geberde, mit der sie die Finger an die Lippen legte, zum Zeichen des Schweigens,daß es tief in meine Seele drang und ich sie verstand. Wie ein Heiligthum, wie einekostbare Reliquie barg ich die Kapsel, meine Ahnung sagte mir, daß sie meiner Elterntheure Züge enthielt."

I" sie ist es ist meine Tochter", rief Bernau ,dies Medaillon war meine

letzte Gabe an Ella, sie isUtreu bewahrt, mein Kind, mein theures, geliebtes Kind!"

Alida nennt man mich!" stammelte das junge Mädchen unter Thränen.

Alida", wiederholte der Sterbende seligdoch noch ist nicht alles gethan

noch sollst Du hören, was geschehen muß. Eine reiche Erbschaft fiel mir zu; meine

Schwester vermaltet sie ich galt für verschollen und nahe ist der Termin meinerTodeserklärung. Eile, eile zu retten."

Keuchender ward sein Athem, seine Augen nahmen einen gläsernen Ausdruck an.

Um vor allen Dingen meine Identität noch besser zu beweisen" stoßweise kames aus seiner Brustich suchte den Geistlichen selber, der mich getraut, im Feldeauf vor Metz fand ich ihn alles ist beglaubigt dort jenes Portefeuille birgtjene Papiere < aus der Rückreise erkrankte ich, bis hierher vermochte ich mich zuschleppen ich sollte mein Kind nicht wiedersehen, glaubte ich, eine Strafe der Gerechtig-keit und nun"

Er sank zurück, unzusammenhängende Worte entglitten seinem Munde.

Verzweifelnd schrie Alida auf, sie preßte ihren Mund auf des Vaters zuckendeLippen, als wolle sie ihm ihren Athem einflößen oder in einem Hauch mit dem Ster-benden vergehen.

Die Thür öffnete sich, ein ältlicher ernst aussehender Mann, militärisch gekleidet,trat in Bekleitung der Wirthin des Hauses über die Schwelle.

Das ist der Arzt", erläuterte die Frau,Herr Doktor Langer, der den fremdenHerrn behandelt."

Der Arzt trat näher. Einen etwas erstaunten Blick warf er auf das junge Mädchen,als er nach flüchtiger Prüfung des Sterbenden Züge kopfschüttelnd Bernau's Puls befühlte.