„Es ist mein Vater! Netten Sie — retten Sie, -aß ich nicht Alles missen muß,was meinem Herzen theuer."
„Braves Kind!" sagte der Arzt leise — „meine Kunst ist zu Ende — beten Siefür eine scheidende Seele. Der Herr von Bernau geht hinüber."
„Hinüber!" Wie ein Geisterhauch klang es röchelnd aus des Sterbenden Brust. —„Doktor, ich sterbe zufrieden, mein Kind fand ich — seien Sie Zeuge meiner letztenWorte, schützen Sie unumstößliches Recht, legitim ist ihre Geburt — Alida von Bernau,meine Tochter, meine Erbin — —"
Ein Kochen, ein Pfeifen, der Athem versagte, nur noch ein Dehnen und das er-starrende Auge brach — Leopold von Bernau hatte geendet.
In stummem, thränenlosem Schmerz knieete Alida an des Vaters schnell erkaltenderLeiche, — vergebens suchte der gütige Arzt sie zu bewegen, die Stätte des Todes zuverlassen, — an das Todtenbett gebannt, weilte sie bis schon einige Stunden später dieTräger erschienen, dem Geschiedenen die letzte Ruhestätte zu bereiten, denn der Kriegkennt keine Rücksicht. Sie sah den hölzernen Brettersarg versinken in die hastig gegrabeneTiefe; kein Kranz, keine Blume war aufzutreiben, die dunkle Grabesnacht zu schmücken,die ihn umfing; mit der ersten Schaufel Erde , die ihre kalte Hand in die schaurige Oeff-nung warf, fielen die ersten Thränen, die Erleichterung der qualvoll gepreßten Brust,und ihr war's, als müsse der Todte, der nun vor dem höheren Richterstuhle seines Ur-theils harrte, sie fühlen, als ein Zeichen der Vergebung, der Liebe.
Die kurze, einfache Ceremonie war beendet, auf dem prunklosen Erdhügel strahltedie Sonne, fie beleuchtete die Züge Aliden's, denen die Eindrücke der letzten Tage Jahres-reise verliehen.
Sie beugte sich nieder und nahm eine Hand voll Erde vom Grabe. „Dies bringeich zur Stätte der Mutter", sagte sie fast laut; „Gräber, wohin ich blicke, Tod, nichtsals Tod. Kommen wir zum Abschluß mit den Lebenden. Dem Andenken ihres Vatersist Alida von Bernau schuldig zu handeln, wie die Pflicht und ihres Namens Ehre esgebieten, und Ehre und Pflicht, sie rufen mich zurück nach jener Stätte, wo jede Spur,jedes Blatt, jedes Lüftchens Wehen auch an ihn mahnt, an den ewig Geliebten, ewigVerlorenen — nach Solmitz — zur Abrechnung zwischen mir und meiner Tante."
4. Kapitel.
Eine ungewöhnliche Bewegung herrschte auf dem Schlosse Solmitz. Der großeSaal, selten und nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, war schon am Tage vorheraller Zierathen entkleidet worden, die ihn in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsraum be-zeichneten. Eine Art Estrade, mit einen, grün behangenen Tisch darauf, von einfachenSesseln umgeben, erhob sich am oberen Ende und eine Anzahl Stühle, die rings an denWänden aufgestellt waren, deuteten auf eine zahlreich zu erwartende Versammlung, diehier stattfinden sollte.
Und wohl Keiner im Dorfe und dessen Umgebung versäumte, sich um die eilfteVormittagsstunde einzufinden, denn wen nicht die Neugier herbeiführte, einer gerichtlichenFormalität beizuwohnen, wollte nicht die Gelegenheit versäumen, auf einem Schloßsaal-Parketboden gestanden zu haben, wenn freilich bei der Öffentlichkeit des Verfahrens dieseben keine Auszeichnung genannt werde» konnte. Der Tag, an welchem die Erklärungverlesen werden durfte, die den Bruder der Eutsherrin, Leopold von Bernau, als bürger-lich todt bezeichnete, war gekommen; schon am Abend vorher waren zwei Geiichtsbevoll-mächtigte und der Anwalt der Frau von Solmitz auf dem Schlosse angelangt; schonlange vor der bezeichneten Stunde begann es auf den breiten Stiegen, die zum Saalführte», lebendig zu werden und der weite Raum füllte sich mit Landleuten, die staunenddie nie gesehenen Herrlichkeiten musterten, deren der schwarz dekorirte Raum noch genugbarg, ihre des Glanzes ungewohnten Augen zu blenden.
Im linken, dem Garten zugewandten Schloßflügel herrschte dagegen Todtenstille,mit weichen Teppichen war der Boden belegt, kein Laut vermochte bis hierher zu dringen,