Ausgabe 
(14.3.1883) 21
 
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denn hier befanden sich die Zimmer des Sohnes vom Hause, der vor wenigen Wochenschwer verwundet in das Haus seiner Mutter gebracht war. Allein die gute Pflege, dieunermüdliche Sorge, die, fast bei einer Frau ihres Charakters überraschend, seine Mutterihm zu Theil werden ließ, vereint mit der kräftigen Natur des jungen Mannes, ließenrasche Heilung eintreten. Die Schußwunde, unterhalb der Brust, hatte sich bereits ge-schlossen und schon durfte er auf kurze Zeit das Krankenzimmer verlassen, um sich in dievon seiner Mutter bewohnten Räume zu begeben..

In ihrem Kabinet weilte Frau von Solmitz, sie- war vollständig schwarz zu derbevorstehenden Ceremonie gekleidet, ein Spitzenschleier, mit einem Perlendiadem befestigt,wallte von ihrem Haupte hernieder und verlieh ihr einen zwar majestätischen, aber nochstrengeren Ausdruck als gewöhnlich. Frau von Solmitz war nicht allein, vor ihr standin dienstlicher Haltung Herr Streland, ihr Verwalter, er hatte für diesen Tag das Amteines Haushofmeisters übernommen.

Ist alles bereit?" fragte die Gutsherrin eben.

Alles, gnädige Frau, schon beginnt der Saal sich zu füllen, und Ihrem Befehlegemäß, werden die Herren aus der Stadt Sie fünf Minuten vor eilf Uhr im blauenZimmer erwarten, um Sie in den Saal zu geleiten."

Und meines Sohnes Gegenwart ist unerläßlich? Ich ersparte ihm so gerne jedeAufregung."

Es bedarf nur auf einige Minuten seiner Anwesenheit, gnädige Frau, nur seinerUnterschrift, es ist Zeit, wenn der junge gnädige Herr erst um halb zwölf im Saale er-scheint, um sich sofort wieder zurückzuziehen!"

Wenn er wüßte, was es für ihn bedeutet, Streland, wenn dieser Tag ohne Unfallfür uns geendet er ist von einer Reizbarkeit, wie nie zuvor, seit er weiß, daß Alidafür ihn verloren. Streland, wenn er erführe, daß man ihn getäuscht, wenn das Mädchenwiederkehrt«!"

Sie häufen Sorgen über Sorgen, gnädige Frau, kaum, daß Sie mit dem heutigenTage von einer schweren Last befreit, der Sie zur Herrin des Ihrem Bruder zugefallenen, Vermögens eingesetzt, schaffen Sie sich selber eine mit grundlosen Befürchtungen. GlaubenSie mir, selbst wenn Alida erfahren sollte, daß Oscar von Solmitz als Genesener aufseinem Erbe weilt, wird sie nicht wiederkommen, und die einlaufenden Korrespondenzenüberwachen wir gemeinschaftlich. Auch hoffe ich, daß Sie heute die Gelegenheit benutzen,die Verlobung Ihres Sohnes mit der Baronesse Ebersdorf zu proklamiren, so verschanzenwir den schwankenden Charakter des jungen Herrn hinter starken Bollwerken, die wederdie Intriguen noch die Leidenschaft durchdringen."

Die Portiere theilte sich:Ist es erlaubt, Mutter?" fragte eine wohlklingende,wenn auch etwas schwache Mannesstimme, und Oscar von Solmitz erschien auf derSchwelle.

Der junge Mann war noch sehr blaß, die Weichheit seiner Züge hatte sich nochgesteigert, aber um den Mund hatte sich eine tiefe Furche gegraben, mehr Leid der Seele,als die Einwirkung körperlicher Schmerzen mochte sie gezogen haben.

Ein bequemer Hausrock von schwarzem Sammt umschloß seine schlanke, bedeutendmager gewordene Gestalt.

Nur näher, mein Oscar, nur näher", sagte Frau von Solmitz und der Ton klangherzlich, wie nie zuvor.Du weißt, für Dich hat Deine Mutter stets ein Willkommen."

Ich freue mich seiner", entgegnete Oscar,freue mich, daß ich endlich das Mutter-herz schauen und erkennen darf in seiner Wahrheit, nicht eingehüllt in belauschenden Duftder Schmeichelei und überschwenglichen Weichheit, wie ich es mir einst ersehnt, sondernmist und strenge, aber desto wahrer, desto tiefer, o Mutter, o Mutter, ich habe ja nunKernen, als Dich, zu der dieses Herz sich flüchten darf, wenn die Erinnerung es über-kommt in ihrer ganzen Macht. Nicht wahr, bei Dir darf ich vergessen?"

Bei mir und bei jenem leiblichen Wesen, das mit Thränen Deiner gedacht, so