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„Äugslmrger Postzeitimg.^
Nr. 22. Samstag, 17. März 1883.
Heimathlos.
Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann tzirschfeld(Fortsetzung.)
Erleichtert athmete Frau von Solmitz auf, um der peinlichen Situation ein Endezu machen. Sie näherte sich dem jungen Manne, und einen Kuß auf seine Stirn drückend,sagte sie:
„Muth, mein Sohn, gedenke, daß Du eine Mutter besitzest, der kein Opfer zugroß für Dein Glück ist, sobald es sich mit dem Glänze und der Ehre unseres Geschlechtesvereinigen läßt. Ich habe mehr für Dich gethan, Oscar, als Du ahnen magst, und jeerfahren wirst, dessen sei eingedenk. In einer halben Stunde erwarte ich Dich in demSaale , die Akte meines verstorbenen Bruders zu unterzeichnen. Deine Unterschrift ist un-erläßlich, sonst hätte ich Dir die Formalität erspart. Die Baronesie wird in jedem Augen-blick eintrefsen, empfange sie in meinem Namen, und erinnere Dich, daß es an Dir liegt,den Herzenswunsch Deiner Mutter zu erfüllen."
Sie winkte dem Verwalter, ihr zu folgen und verließ das Gemach. Auf dem Wegezunr Hauptsaale mußte sie das blaue Zimmer durchschreiten, in das sie den Anwalt desSolmitz'schen Hauses und die beiden Aktuare beschieden hatte, die von Seiten des Gerichtsgesandt waren, die offizielle Todeserklärung Leopvld's von Bernau zu erklären, da dieProklame, die ihn aufforderten, sich zur bestimmten Frist zu stellen, oder sich durch einenBevollmächtigten vertreten zu lassen, bis jetzt erfolglos geblieben.
Mit tiefer Verneigung ward Frau von Solmitz von den Herren begrüßt, sie spendeteihnen einige Worte, dann schritt sie ihnen voran, dem großen Saal des Schlosses zu,aus dem ein dumpfes Summen und Brausen, wir von einer großen Versammlung, ihnenentgegen schallte.
Die hohen Flügelthüren des für die Herrschaft bestimmten Seitenraumes öffnete»sich, eben hob die Thurmuhr zum eilften Stundenschlag aus. — Der Lärm machte einererwartungsvollen Stille Platz, und fast sämmtliche Anwesende begrüßten durch Erhebenden Eintritt der Schloßyerrin, die mit herablassendem Neigen des Hauptes die fast aus-schließlich ländliche Versammlung begrüßte» und dann die Estrade bestieg, wo sie an demgrün behangenen Tisch den Ehrenplatz inmitten des Anwalts und der Herren vom Gerichteeinnahm. Herr Streland hatte wie ein dienstthuender Marschall auf der untersten Stufeseinen Platz genommen.
Unter dem tiefsten Schweigen der Zuhörer erhob sich Frau von Solmitz. Sie be-gann mit fester Stimme von dem Schmerz zu reden, den ihr die Entfernung einesgeliebten Bruders verursache, der seit achtzehn Jahren kein Zeichen der Existenz von sichgegeben, und der bitteren Nothwendigkeit zur Regelung der Familienverhältnisse, zur Klar-heit über ihres Sohnes Zukunft, die Formalität der Todeserklärung nun eintreten zu lassen,, nachdem alle Versuche» den Aufenthalt Leopold's von Bernau oder etwaiger Erben desselbenzu erkunden, vergebens aewesen. So endete ihre Rede mit der Mittheilung, daß sie eine