— 170 —
milde Stiftung in's Leben zu rufen gedenke, die zum Gedächtniß an den Geschiedenenseinen Namen tragen und zur Unterstützung armer Greise der Gemeinde Solmitz bestimmtsein solle.
Nun war sie zu Ende, ein unterdrücktes Murmeln des Beifalls und der Theilnahme,von Respekt gedampft, ging durch den Saal, als sich Frau Hermine von Solmitz wiederauf ihren Sitz niederließ und sich tief in den Sessel zurücklehnte, als habe die nachfol-gende Formalität gar kein Interesse für sie oder erwecke höchstens nur ihre Schmerzenauf'S Neue.
Nun erhob sich der Gerichtsaktuar; er verlas mit einförmiger Stimme nochmalsdas bereits mehrfach veröffentlichte Proklama, dann fügte er lauter hinzu:
„Und so erkläre ich denn im Namen des Gesetzes Leopold von Bernau für bürger-lich todt, verlustig aller Rechte, die ihm durch Erbschaft oder Schenkung erwachsen dürften,es sei den», daß sich jetzt in dieser Stunde noch ein'Einspruch erhebe gegen diese Be-stimmung, dessen Billigkeit anerkannt ist vor den Schranken des Rechtes. Wer dahergesonnen ist und vermag, die Existenz besagten Leopold's von Bernau oder legitimerErben desselben nachzuweisen, der trete vor und lasse es geschehen in dieser Stunde."
Warum zuckte Hermine von Solmitz plötzlich zusammen, der trotz der anscheinendenApathie nicht die kleinste Bewegung im Saale entging? Was lief flüsternd, murmelnd vonStuhl zu Stuhl durch die Reihen, warum theilte sich die dichtgedrängte Menge am Ein-gang? In bescheidener, aber ernster und fester Haltung schritt ein in tiefe Trauer ge-kleidetes junges Mädchen vor und dieZ ganze Länge des Saales durchmessend, trat sieLis an die Stufen der Estrade.
„Alida Barfeld!" Wie ein unwillkürlicher Ausruf des höchsten Erstaunens klang eSaus Herrn Streland's Munde und wie abwehrend streckte er der Nahenden den Armentgegen.
„Im Namen der Gerechtigkeit erhebe ich Einspruch gegen die Versammlung in dieserStunde", sagte das junge Mädchen mit ruhiger, fester Stimme, und jede Silbe halltein dem weiten Raume bei der Todtenstille, die nun in demselben herrschte, wieder. „Ich,die Tochter und Erbin des jüngst zu Pont ü Mousson verstorbenen Leopold von Bernau,nehme alle meine mir zukommenden Rechte in Anspruch und namentlich die meinem Vaterdurch das Vermächtuiß seines Onkels, des Erbherrn auf Gradenow, zugefallene Erbschaft."
Wäre der Geist ihres Bruders selber dem Grabe entstiegen und drohend vorHermine von Solm'tz aufgetaucht, die Ueberraschung, das Entsetzen der Gutsheriin hättekein größeres sein können, als Alida, die namenlose Waise, ihr mir dem Titel der Ansprüchegegenübertrat. Ihre Fassung drohte zu schwinden und doch fühlte sie, daß sie ihrer indiesem Augenblick, da sie aller Augen auf sich gerichtet wußte, mehr bedurfte als jemals,
Sie erhob sich in ihrer ganzen Würde.
„Fräulein Alida Barseld, wenigstens bezeichnete mir einst die sterbende, völligMittel- und legitimationslose Frau, die als Fremde vor etwa achtzehn Jahren im Sol-mitzer Wirthshanse anlangte und noch in derselben Nacht verschied, mir das hinterlasseneKind, ihre angebliche Tochter mit diesem Namen, da sie es mir, der hülfreich Herbei-geeilten, unter Thränen und Beschwörungen, mich der verlassenen Waise anzunehmen,vertraute. — Fräulein Alida Barfeld, die mir ihre Ausbildung und Erziehung dankt,verließ mein Haus auf eine so eigenthümliche Weise, nachdem sie genug der trüben Stundenüber dasselbe gebracht, daß ich glaube im Recht zu sein, wenn ich die genaueste Unter-suchung der Dokumente verlange, die sich ohne Zweifel in dem Besitz der Dame befinden,um sich mit Recht die Tochter Leopold's von Bernau und Nichte Hermann's nennen zukönnen."
„Ich war auf diesen Empfang vorbereitet", erwiderte das junge Mädchen völligruhig. „Mich gegen Vorwürfe der Frau von Solmitz vertheidigen zu wollen, hieße eineAnklage aufnehmen, die, Gott ist mein Zeuge, mich nimmer trifft. Wenn ich hier undin dieser Stunde erscheine, meine Rechte geltend zu machen, so soll es nicht einen affek -