Ausgabe 
(17.3.1883) 22
 
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jjrten Theatercoup bedeuten, soeben treffe ich voin Elsaß kommend auf Solmitz ein. Gott verhinderte, daß ich zu spät kam. Hier, meine Herren", und ihre Hand zog ein ConvolutPapiere hervor,hier übergebe ich Ihnen die Dokumente, die mich als Tochter und ErbinLeopold's von Bernau legitimiren. Ehrenwerthe Männer, der Feldprediger Bartels undder Stabsarzt Doktor Langer, beide augenblicklich im Gefolge des deutschen Kriegsheeres,sind bereit, ihre mündlichen Aussage» der schriftlichen Bürgschaft hinzuzufügen, die sichin diesen Blättern befindet."

So fest, so ruhig konnte keine Betrügerin sprechen, das fühlte ein jeder der imSaal Anwesenden, das fühlte auch Hermine von Solmitz. Wie eine Angeklagte imAntlitz ihrer Richter, forschte ihr Blick in den Zügen der Herren voin Gericht, die mitdem Anwalt in leisem Flüstern die ihnen eingehändigten Papiere tauschten und, sie flüchtigdurchsehend, zunächst Unterschriften und Siegel prüften.

Endlich erhob sich der Gerichtsassessor, Todtenstille herrschte im weiten Raume.

Die uns von dieser Dame übergebsnen Papiere", nahm er das Wort,sind an-scheinend echt und berechtigen sie, als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau Protestgegen den Erbsausschluß der Nachkommen des Genannten zu erheben; es steht bei Ihnen,gnädige Frau, ob Sie schon jetzt diese Dame als Nichte anerkennen wollen; wir abermüssen die für diese Stunde beabsichtigte Verhandlung vorläufig für aufgehoben erklären."

Mein Anwalt, Doktor Schmidt, ist damit einverstanden?" Gepreßt, kaum ver-ständlich kam es über Herminen's Lippen. Der Jurist zuckte mit den Achseln.Unterdem Vorbehalt strengster Prüfung dieser Papiere", entgegnete er,kann ich mit meinemGewissen nicht auf Vollziehung einer Handlung dringen, die einer schreienden Ungerechtig-keit gleichkäme."

Schwer athmend hob sich die Brust der Gutsherrin. Ohne ein Wort weiter zuverlieren, richtete sie sich empor und ihre ganze Willenskraft aufbietend, die gewohnteSicherheit zu bewahren, stieg sie von der Estrade, um sich aus dem Saale zu begeben.

Sie mußte an dem jungen Mädchen vorbei, ihre Blicke begegneten sich, keine Spureiner Leidenschaft blickte Hermine von Solmitz aus dein Auge Aliden's entgegen, sielas in ihr nichts, als eine eisige Ruhe.

Einige Schritts weiter blieb sie stehen. Die wenigen Minuten, die verstrichen waren,seit der Eintritt der Waise Alles zu nichte gemacht, was sie seit Jahren für ihres SohnesGlück gewirkt und gesündigt, hatten eine Fluth der düstersten Gedanken in ihrer Seelebeschworen. Nicht allein, daß die Tochter Leopold's von Bernau das väterliche Erbebeanspruchte und ihr den Reichthum nehmen konnte, an dem ihr ganzes Leben hing, siedrohte ihr auch des Sohnes Liebe zu rauben, wenn es ihr gelang, Oscar zu beweisen,daß seine Mutter ihn getäuscht, da sie ihm Aliden's Verschwinden als Frucht des Ver-rathes einer berechnenden Coguette geschildert.

Ich mochte mit Ihnen reden", sagte sie, zu Alida gewandt, und trotz alles Be-mühens konnte ihre Stimme nicht ein leises Beben unterdrücken.

Was sollte sie ihr sagen, sie wußte es selber nicht und doch mußte ein Mittel ge-sunden werden, die Netze zu lösen, die sie selbst geschlungen hatte; um Zeit zu gewinnenund die Herrschaft über sich selber, das war die Hauptsache.

Kalt und förmlich neigte Alida das Haupt.

Ich bin bereit", erwiderte sie,den Wunsch der Schwester meines Vaters zuerfüllen."

Frau von Solmitz athmete auf.Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?" fragtesie vorauschreitend und den Saal durch eine Seitenthür verlassend. Das junge Mädchenfolgte ihr in ein Zimmer des Hintern Schloßflügels; es war ein isolirt gelegenes Gemach,gewöhnlich zum Fremdrnaufenthalt bestimmt und gewährt« die Aussicht in den Garten.

Eine kurze, peinliche Stille entstand, da sich die Thür hinter Tante und NichteLcschlossen.