Ausgabe 
(17.3.1883) 22
 
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Alida blickte kalt und ruhig in Frau Herminen's Antlitz und diese fühlte, daß esan ihr sei, das entscheidende Gespräch zu eröffnen.

Wollen Sie mir eine Frage beantworten?" begann sie endlich,eine Frage, dieSie von einAi liebenden Schwester natürlich finden werden. Wie kamen Sie zu Leopoldvon Bernau, meinem unglücklichen Bruder, und wie hat er geendet?"

Mein Vater starb tief bereuend, versehen mit den Tröstungen der Religion", er-widerte Alida,über seine Schuld möge ein höherer Richter entscheiden; mitten im Kriegs-gewirr, in Pont u Mousson, führte mich die Hand Gottes an sein Sterbelager; dort,wo ich ihn der Erde übergab, begriff ich die heilige Pflicht, das Andenken meiner Mutterund meinen, eigenen Namen zu Ehren zu bringen, und diese Pflicht zu erfüllen", deutlichhörte man das Schwanken des sonst so festen Tones der gestrengen Frau,rauben. Sie,im Fall Sie auf das Vermögen Anspruch machen, das Ihnen als Ihres Vaters Erbtheilzukommt und das bisher unter meiner Verwaltung war, dem Hause Solmitz seine Habe;Alida, Sie wissen, ich bin eine Feindin aller Sentimentalitäten, lassen Sie mich Ihnenmit dürren Worten sagen: mein Gatte starb arm und mein Sohn, Oscar von Solmitz,wäre eines Bettlers Kind gewesen, hätte nicht das Glück mir die Verwaltung der reichenErbschaft verliehen, die meinem Bruder zugefallen. Mit ihr erhob ich das Gut Solmitzzum alten Glanz, Oscar hatte keine Ahnung, daß der Reichthum, als dessen Erbe er sichglauben konnte, nur erborgt sei, nimmer dachte ich, werde Leopold heimkehren, und wenndies der Fall war, hoffte ich auf seinen Leichtsinn, auf sein gutes Herz. Was ich that,geschah meines Sohnes willen."

Keine Spur im Antlitz »des jungen Mädchens' zeugte von dem Eindruck der Worteihrer Tante. Sie schwieg einen Augenblick, dann richtete sie ihr Auge auf Frau vonSolmitz.

AIs ich an jenem unseligen Tage das Schloß verließ", sagte sie,dem erstenImpuls der höchsten Verzweiflung folgend, da fehlte mir noch jene geistige Reife, dieentweder die Jahre verleihen oder zu der man durch schweres Herzeleid und Erfahrunggelangt, ach, der Kummer war mein Lehrmeister und die Erfahrung kühlte das fieberhaftwallende Blut; nicht als Alida von Barseld von einst steht Alida von Bernau Ihnengegenüber. Nicht Haß und Groll trage ich Ihnen nach, obwohl Sie oft mir recht, rechtweh gethan; nicht in Armuth will ich Sie stürzen, da ich mich und das mir zufallendeVermögen der leidenden Menschheit zu weihen beabsichtige. Aber eine Frage beantwortenSie mir offen und ehrlich: hat meine Mutter, da sie fremd und sterbend in der Scl-mitzrr Schenke anlangte und nach Ihnen begehrte, Ihnen das Band entdeckt, was michmit Ihnen verbindet?"

>Es war ein entscheidender Augenblick, Hermine von Solmitz konnte ein unwillkür-liches Zittern nicht bemeistern. Und doch, sie fühlte es, nur ein offenes Spiel konntesie retten.

Hören Sie mich, Alida", erwiderte sie,und richten Sie nicht eher über mich,ehe ich vollendet. Ja, Alida, ich kannte das Band, ich mußte, daß Leopold von Bernau'sGattin und Kind als Verlassene auf meiner Besitzung angelangt waren; freilich von ihr,die schon am nächsten Tage der Hügel deckte, hatte ich nichts zu fürchten, aber das Kinddrohte, falls seine Legitimität bekannt würde, meinen Sohn zu einem armen Blaun zumachen, wenn er nicht der Gnade seiner Cousine sein Glück danken wollte. Darum, Alioa,darum bemächtigte ich mich aller Papiere, die einst die Sterbende mir anvertraute, darumbehielt ich unter dem Namen Barfeld die Waise bei mir. Darum aber auch, weil ichnicht ein Bündniß naher Verwandter dulden konnte, suchte ich später das innige Bandzu lösen, das sich um Sie und meinen Sohn gewoben. Alida, ich hätte ja dann, umeine solche Verbindung zu ermöglichen, ohne in Sünde zu verfallen, Ihrer Geburt Ge-heimniß offenbaren müssen und nimmer vermocht ich's, konnte ich abhängen, wo ichbisher geherrscht hatte? Konnte ich auf einen Besitz verzichten, den ich als reiches Erbe