Ausgabe 
(17.3.1883) 22
 
Einzelbild herunterladen

173

meinem Sohne zu hinterlassen gedacht, um ihn denselben aus der Hand einer Fremdenempsangen zu lassen?"

Frau von Solmitz schwieg, aber das Zucken ihres Antlitzes, das Heben und Senkenihrer Brust bekundete die hohe Aufregung, die noch in ihr nachwirkte.

Wehe Ihnen!" erwiderte Alida,wehe Ihnen, verblendete Frau. Wie viel desLeidens, wie viel des Jammers hätten Sie uns ersparen können, hätten Sie sich mirentdeckt; so wahr Gott mein Zeuge, freilich hätte ich allen Ansprüchen entsagt, zu denenich im Fall des Todes Leopold's von Bernau berechtigt gewesen wäre; und nie hätteOscar erfahren, daß ich Ihnen ein Opfer gebracht. Wehe Ihnen, daß Sie im HerzenIhres eigenen Sohnes einen Zwiespalt hervorgerufen, denn was ihn zu mir hinzog, wasmich zu ihm Hintrieb, es war das Band des Blutes, was uns Beiden unbewußt warund Fanny von Ebersdorf gehörte seine Liebe. Was ich gethan hätte, die Fremde, wennes Oscars Glück erfordert, wie viel leichter wäre es der Tochter seines Oheims geworden,ihn mit der holden Baronesse Fanny vereint zu sehen und als treue Freundin, als Schwester,mich seines Hauses Glück und Gedeihen zu erfreuen. Sie aber behandelten mich als eineFremde. Sie glaubten mit dem Geschick ringen zu können, aber das Schicksal ist mäch-tiger, als wir Staubgeborenen und geht den Weg, den höhere Hanv ihm weiset, es offen-bart sich Ihnen in seiner ganzen Macht, da ich als Ihre Nichte vor Ihnen stehe undIhnen zurufe in meinem Namen, im Namen Ihres Sohnes, im Namen Ihres Bruders:Hermine von Solmitz, über Dein Haupt komme, was Du gethan!"

Zusammenbrach die gebieterische Gestalt der Schloßherrin.Alida, das Schicksalrächt sich grausamer, als Sie meinen, meine eigene Saat, von der ich Segen hoffte, siewird mir zum Fluch."

(Fortsetzung folgt.)

Sagen aus dem Schwabenlande.

Mitgetheilt von Alois Gutbrod.

* Im Munde des Volkes schlummert ein gar köstlich Ding; es heißt Sage und istzu Märchen und Fabel nahe verwandt. Letztere wurden meist von Dichtern und Denkerngebildet; die Sage jedoch stammt mitte» aus dem Volke. Sie ist ein echtes Kind desselben,geboren zum fröhlichen Leben, nicht aber zum ewigen Schlummer. Wie Volkslied undSprichwort, so will auch die Sage ihr Plätzchen in der deutschen Familie haben; sie willnicht todtgeschwiegen, sondern erzählt werden von Mund zu Mund. Sagen gibt es imUeberfluß, und fast jede Gegend hat ihre eigenen. Auch unsere Heimath ist reich anallerlei schönen Sagen. Ich habe etliche davon gesammelt und will dieselben an dieserStelle mittheilen.

1) Ulrich, der berühmte hl. Bischof von Augsburg, wurde zu Wittislingen geborenund erzogen. Er mußte täglich nach Dillingen in die Schule und kehrte gar oft erst beistockfinsterer Nacht wieder heimwärts. Da hörte er nun jedesmal auf dem Schloßthurmeein Glöcklein läuten, ging dem Getöne nach und verirrte sich nicht. Eines Abends schwiegaber das Glöcklein still. Ulrich kam von dem rechten Weg ab und lief stundenlang imDunkel der Nacht umher.Warum ließ sich denn heute mein Glöcklein nicht hören?"sprach er erstaunt zu sich selbst, als er endlich todtmüde nach Hause kam. Da siel ihmein, daß der Stecken daran schuld sein könne, den er unweit Dillingen von einem Zaungebrochen und mitgenommen hatte. Am andern Morgen brachte er darum denselbenwieder an seinen Ort, und siehe, beim Heimgänge tönte das Glöcklein, wie ehedem, undUlrich kam nie mehr von dem rechten Weg ab.

2) Bei Bicsenhofen, eine halbe Stunde oberhalb Kausbeuren, stand auf einer Anhöheim Gehölz eine Burg, von der jetzt wohl kein Stein niehr vorhanden ist. Ein Fräuleindieser Burg hat aber heute noch keine Nuhe, sondern erscheint bald hier, bald dort als