Ausgabe 
(17.3.1883) 22
 
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Geist. Es setzt sich dem Wanderer, den es trifft, auf die Schultern und bittet ihn, ermöge es doch in die Stadt bis zur St. Martinskirche tragen; dann sei es erlöst,und er bekomme all' seine Schätze. Viele haben solches schon probiert, aber keinem istbis jetzt der Versuch ganz gelungen. Gewöhnlich brachte man das Fräulein nur bis zumGottesacker; dann wurde es jedesmal so schwer, daß es nicht mehr weiter getragen werdenkonnte. Das Fräulein weinte bitterlich und kehrte traurig zu seinen Schätzen zurück.Man meint, es sei bei Lebzeiten nicht fleißig in die Kirche gegangen, und darum sei esauch jetzt noch so schwer zur Kirche hinzubringen.

3) Im oberen Jllerthal liegt auf einem grünen Hügel das Dorf Obermcnselstein,anmuthig von Bäumen beschattet. Nicht weit davon erheben sich ganz seltsam gestaltete,arg zerrissene Felsenschichten, die sogenanntenGottesackerwände." In frühester Zeitdehnte sich hier eine weite, sonnige Alp aus, schön und üppig wie ein Garten. DieKühe fanden auf ihr das köstlichste Futter; sie gaben so viel Milch, daß man Lebens-rnittel in Hülle und Fülle hatte. Da wurden die Leute mitten in diesem Ueberflussemuthwillig und böse. Sie machten sich Kugeln aus Butter, kegelten damit und triebensonst noch allerlei Unfug. Aber siehe! plötzlich nahte ein heftiges Gewitter heran; derTag wurde zur Nacht, und feurige Blitze fuhren durch die Luft. Die Liefen der Erdethaten sich auf und verschlangen alles Alpe, Menschen und Vieh. Wo früher Wachs-thum und munteres Leben war, da stehen jetzt nackte Felsen und öde Steintrümmer.

4) In den Bergen zwischen Jmmenstadt und Staufen gab es vor hundert Jahrennoch eine Menge Bergmännlein. Sie ließen sich sogar am hellen Tags sehen, trocknetenihre Wäsche und fegten den Hausrath. Wenn es nach längerem Regen gut Wetter werdenwollte, machten sie Feuer und kochten, so daß man die kleinen Nauchwölklein deutlichsehen konnte. In der Allerseelen-Oktav und zu andern heiligen Zeiten jammerten undweinten die Männlein. Sonst waren sie aber ganz heiter, hatten am Jodeln und Jauchzenihre Freude und gaben gerne an, wenn man ihnen zujauchzte. Oft kamen sie zu denHolzhackern, zeigten ihnen Weg und Steg und halfen sogar bei der Arbeit mit. Wennaber ein Holzhacker zornig wurde und fluchte, dann wurden die Bergmäimlein böse undspielten ihm allerhand Schabernack. Bald machten sie, daß ihm die Axt von dem Stielefiel; bald gaben sie dem Baume, den er fällen wollte, eine solche Richtung, daß derselbein einen Dobel oder sonst recht ungeschickt zu Boden kam; bald führten sie den Arbeitergar in eine dunkle Schlucht, aus der er nicht sogleich wieder herausfand.

5) Auf der Burg Tegelstein bei Lindau hauste in früherer Zeit eine stolze Baronin,die das gemeine Volk arg verachtete. Zu dieser kam einmal eine Pächtersfrau und batum etliche Rosen aus dem Vurggarten, denn sie wollte ihrem verstorbenen Töchterleineinen Kranz winden. Die Baronin machte aber ein wildes Gesicht und sprach ganzbarsch:Pflücket mir Breimnesseln und windet sie zum Kranze; die gemeinen Leute sindder sreiherrlichen Rosen nicht werth!" Solch rohe Worte thaten der armen Frau sehr'wehe. Voll Herzeleid ging sie von bannen und sagte noch im Fortgehen:Mögen EureRosen lauter Todtenkränze für Eure Töchter werden!" Allso geschah es auch. Balddarauf starben der Unbarmherzigen drei Töchter schnell nach einander. Diese konntenaber nicht im Grabe ruhen. So oft eines aus der freiherrlichen Familie dem Tode nahewar, sah man die drei Fräulein um Mitternacht unten in dem Burggarten, Kränze win-dend für das Sterbende.

6) Im WaldeWeihgäu" bei Lauingen zeigt sich hin und wieder eine weiße Kloster-frau. Sie hat ihre größte Freude daran, große Leute in dem Gehölz irre zu führen,oder ihnen durch schlechtes Wetter zu schaden. Die Kinder sieht sie aber sehr gerne,namentlich die Sonntagskinder, und fügt ihnen nicht das geringste Leid zu. Einst wollteeiil Knabe seinem Vater das Mittagessen bringen. Der Weg führt« ihn durch dasWeihgäu. Da sah er auf einmal die weiße Frau in seiner Nähe. Sie winkte demKleinen freundlich und bot ihm viel Geld an, wenn er mit ihr gehe. Der Knabe folgteihr und kam bald zu einem tiefen Gewölbe, in dem eine prachtvolle Goldkiste stand.