Ausgabe 
(17.3.1883) 22
 
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Doch siehe, auf der Goldkiste saß ein großer, schwarzer Pudel mit feurigen Augen; ertrug einen goldenen Schlüssel in seinem Maule. Der Knabe erschrack so sehr, daß erden Topf mit dem Essen fallen ließ und eiligst davonsprang. Auch einem Wildschützenerschien einmal die Klosterfrau. Sein Hund zog ängstlich den Schweif ein und schmiegtesich winselnd an seinen Herrn. Die Frau schritt mit gehobenem Zeigefinger ernst unddrohend auf den Wilderer zu. Dieser ergriff aber schnell die Flucht und gab von nunan sein unsauberes Geschäft auf.

8) Manche Leute in Schwaben erzählen gern von dem wilden Heere. Dasselbeließ sich schon oft zur Nachtzeit höre», sagen sie, bald als wunderliche Musik, bald aberauch als fürchterliches Gerassel und Gepolter. Neugierige kamen in der Regel schlechtweg. So gingen einst mehrere Klostermägde von Kirchheim näch Nördlingen . Auf ein-mal vernahmen sie oben in der Luft ein Tosen, ein Sausen und Brausen, Lärmen undPfeifen, Singen und Geigen, daß es einem wirklich Angst werden konnte. Die Mägdelegten sich augenblicklich mit kreuzweis vor die Brust geschlagenen Armen in den Straß-graben. Eine von ihnen war aber srech, blieb stehen und schaute neugierig umher. Siewurde von dem wilden Heere mit fortgenommen, zwei Stunden weit durch die Lust ge-tragen und endlich neben einem Brunnen niedergelassen. Die andern Mägde fanden siedort besinnungslos liegen. Neben ihr lagen yoch allerlei Sachen, die das wilde Heeraus der Luft herabfallen ließ.

7) Am hellen Tage offenbart sich das wilde Heer als Windsbraut. Wenn ein Land-mann seine Pferde quält, oder seine Rinder hungern läßt, kommt schnell die Windsbrautund richtet auf seinen Feldungen mancherlei Schaden an. Ein Bauer im Unterlanddüngte einst seinen Acker mit Asche. Da er aber ein Grobian war, kam die Windsbraut,nahm alle Asche mit hinauf in die Luft und ließ sie anderswo in einen Sumpf oderWeiher falle». Ganze Flüchen hat sie auf diese Weise schon kahlgesegt und so mancheFeldarbeit vereitelt. Im Oberlande wurde einmal die Windsbraut gar von einem altenWeibe hergezaubert. Letzteres hatte in aller Frühe an einem Biehbruiinen Aepfel ge-waschen. Ein benachbartes Bäuerlcin sah dieses, und weil es Unheil befürchtete, ginges sogleich auf das Feld hinaus. Als die Windsbraut sich erhob, stand das Bäuerleinschon auf seinem Acker und rief:Im Namen des Herrn! Mir darfst du nichts nehmen!"Der Sturm ging vorüber und that dem Bäuerlein nichts zu leide; die Aecker der Nach-barn wurden von ihm aber scharf mitgenommen.

Zum Schlüsse noch ein kurzes Wort. Mancher Leser wird vielleicht fragen: Sinddiese Geschichtchen auch wahr? Ich antworte: Nein; sie sind eben Sagen, d. h. vondem Volke erdichtete Erzählungen. In dem Märchen werden Dinge verzaubert; in derFabel kommen Thiere und Pflanzen zum Sprechen, und in der Sage läßt man oft dieToden geistern. Alle drei Stücke sind nur Dichtungen oder Gemälde der Phantasie;was sie aber enthalten, ist nicht selten ein goldener Kern in silberner Schale.

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M i s e - l l e rr.

(Das wahre Geburtsjahr Jes n.) Herr Professor Sattler in München legt in einer scharfsinnigen Erörterung in derAllgemeinen Zeitung" dar, daß die GeburtChristi in das Jahr 749 »ach Erbauung Noins fällt, daß die christliche Zeitrechnung um5 Jahre zu spät beginnt und daß wir statt !883 das Jahr 1888 schreiben sollten. Diechristliche Zeitrechnung nimmt das Jahr 754 nach Erbauung Roms als Jahr der GeburtChristi an. Die Frage wurde endgiltig gelöst durch einige unansehnliche Kupfermünzen,welche Herodes AntipaS , einer von den Söhnen Herodes des Großen prägen ließ. HatHerodes Agrippa dem Datum einer dieser Münzen gemäß im Jahre 40 nach Christusim 44. Jahre regiert, so muß er 4 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung seinem VaterHerodes dem Großen gefolgt sein, dieser also im Jahre 4. vor der christlichen Zeit-rechnung gestorben sein. Da nun aber Herodes nicht im zweiten Jahre der Geburt Jesu ,kurz vor Ostern gestorben ist, so müß Jesus, da Herodes der Große im Jahre 750 »ach