Ausgabe 
(14.4.1883) 30
 
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Die Mitgift wird aber, wie das Wort schon sagt: nicht selten zum schlimmstender Gifte und mit Gift ist gar schlimm umzugehen. Die Kinder von sehr jungenEltern werden meist schwächlich.

Frühzeitig alte Frauen, Leidensschwestern und Jammerbasen ersten Ranges, findensich zahlreich unter allzufrüh Verheiratheten und wer Aerzten und Apothekern, Kurortenund Heilanstalten,mit und ohne Schwindel« wie Sonderegger treffend ^sagt, dauernde Beschäftigung und Bevölkerung geben will, der copulire Kinder!

Hektische Familien sind höchst gefährlich für die Bevölkerung der Welt. Gefähr-licher sind solche mit Epileptikern und Irren, am allergefährlichsten ist aber die Dumm-heit und die Geldgier, erstere ist gleich trostlos im Reichthum wie in der Armuth,unvergeßlich und erbarmungslos vererblich, letztere ist gemein und erzeugt vieleNiedertracht. Auch diese ist erblich und unheilzeugend.

Gar so gerne heirathen viele aus Geldsucht. Die Kinder aber kommen gar oftmit blinden Augen zur Welt, namentlich bei Reichen. Darum gibt's heute blinde, auchso viele blinde Augen, die nichts mehr vom poetischen Glauben an eine bessere Zeit undan ein Ideal wissen und sehen wollen und nur noch für edle Metalle, Gewicht, Länge-und Hohlmaße eine Seh- und Empsindungskraft besitzen.

Wie oft heirathen nach jetzigen, laxen Prinzipien, erblich sieche, in Fabriken be-schäftigte oder ebenso sieche an der Börse schachernde decrepide Jünglinge, irgendwelche bleichsüchtige scrophulöse Dirne oder ein krampfsüchtiges Fräulein? Die Folgenbleiben sicher nicht aus.

Von den sämmtlichen männlichen Nachkommen solcher Ehepaare sind oft kein Zehnteltauglich als Vertheidiger des Vaterlandes ihre Pflicht zu thun. Dafür muß dannder kräftig gesunde Schlag des Bauern oder Mittelbürgers Gut und Blut opfern. DasSiechthum sitzt dann zu Hause hinter dem Ofen und pflanzt sich fort. Die kräftige, zurVerbreitung der Nasse und Verbesserung der Generation taugliche Gesundheit aber tränktvorzeitig den wälschen Boden mit seinem Herzbluts und stirbt ohne Nachkommen.

So tief einschneidend für's ganze spätere soziale Wohl sind unpassende Ehen.JedeSchuld rächt sich auf Erden« wenn auch nicht gerade heute und morgen.

Einer der hauptsächlichsten in der Neuzeit so häufig zu Mord und Selbstmordführender, meist ererbter Zustand ist die sogenannte Nervosität. Diese gewaltigeund dunkle Macht in unserem geistigen Culturzustande, deren unheilvolle Tyrannei oftübersehen wird, wie auch W. A. Riehl richtig betont ist erblich. Diese krankhafteNervosität ist aber vielfach die Ursache zu den schlimmsten sozialen Uebeln und Gebrechenauch nicht selten zu Verbrechen. ,

Diese krankhafte Reizbarkeit des Nervensystems wird nicht selten irrthümlich dasgenannt, was man auf modernem Gebiete der Kunst und Literaturgenial« ibetitelt. In ihr, dieser krankhaften Nervosität wurzeln auch die meisten unserer modernen ^Phantastereien. Welcher Vollgehalt unverdorbener, natürlicher Nervenkraft spricht zumBeispiel aus den Werken eines Shakespear's, Michel Angel o's, Händel s,

B a ch' s gegenüber den oft krankhaft bizarren Kunst- und Dichtungswerken eines-ja

Nomina , oäiosa snnt" um eines entweder aus einer Irrenanstalt Gekommenen oderfür dieselbe wohl reifen Poeten, Musikers, Farben- oder Pinselkünstlers I

Sind solche hyper-nervöse Menschen auch manchmal genial genannte wirklichwohlgeboren?

Der wirklich wohlgeborne Geistesheld ist in der Regel auch langlebend,weil körperlich und geistig gesund. Denken wir nur an einen Kaiser Wilhelm , Humbold,

Goethe, v. Kobell, Ringseis u. s. w. Diese Männer sind wahrlich hochundwohl- ^geboren zugleich.

Auch die Hypochondrie, dieses Chamäleon aller Krankheiten, mit ihren Tantalus-qualen für den Besitzer und für Andere zugleich, ist erblich. Dieses Zerrbild menschlichenDaseins, dies Leiden, das für die Umgebung nicht nur höchst beschwerlich, sondern auch