Ausgabe 
(14.4.1883) 30
 
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Ja es liegt eine großartige, erschütternde Mark und Bein durchdringende Wahr-heit in den paar Liederzeilen:

Und die Kinder, die mich erben,

Erben anch mein Fleisch und Blut!"

' Wenn auch die nachfolgende Erziehung und sogenannte Kultur des jungen und wach-senden Menschen die ererbte schlimme Anlage etwas zu fördern oder auch zu hemmen^ vermag, ganz wird diese üble Erbschaft n i e erlöschen und zwar schon deshalb nicht,

, weil auch das alte deutsche Volkssprichwort hier gilt:

Wie die Alten sungen,

So zwitschern die Jungen,

d. h. weil die Jungen meist durch das Beispiel der Alten angezogen in die Fußstapsen

der Eltern treten, welche gar oft sich ihre Uebel, die sie weiter vererbten, anjubilirt und

durch Saus uns Braus angeworben haben. Die Sprößlinge oder Kinder sind aber

so enge mit ihren Erzeugern verbunden, wie die Rose mit ihren Zweigen. Aber auchder Brand des Getreides ist mit der Mutterähre engstens verknüpft und die faule Kar-toffel hängt so fest am Mutterknollen wie die gesunde.

Fast Alles aber kann sich vererben, Hautfarbe, Haarwuchs, oer gesammte Körper-bau, die Haltung, eine langsam einherschreitende wie eine zappelnde Figur u. s. w.

Taubstummheit und sogenannte Hasenscharten erben sich so oft fort wie schielendeAugen und Adlernasen oder wie Sanftmuth und Wildheit. Schon Horaz singt:WildeGeier werden nie zahme Tauben erzeugen!"

Doktor Baumgärtner erzählt in denVermächtnissen eines klinischen Arztes"er habe in einer Stadt die Geschichte der Blödsinnigen amtlich aufgenommen und ge-funden, daß dort unter 43 solcher Blöden volle 42 aus geistig zerrütteten Familienstammen, welche dem Trunke ergeben waren. Wir dürfen jedoch dabei nicht vergessen,daß es ebenso gut unverschuldeten Blödsinn wie unverschuldete Brandbeschädigung gibt.

Eine Hauptschuld des Nichtwohlgeborenseins liegt bekanntlich in denEhen. Nachdem die Ehe der Neuzeit meist nichts weiter zu sein scheint, als ein gegen-seitiger Vertrag, nachdem nur selten vollste Liebe und Sympathie weder Gesinnungs-ähnlichkeit noch körperliche Vorzüge, sondern gar oft nur Geld und Gut und anderesoziale Standes-, Protektions- oder dergleichen noch mehr andere verwerfliche Interessenden sonst so geheiligten Ehebund auf dem Markte des Lebens schließen lassen, nachdemund seitdem dieser Kauf oder Verkauf häufig vorkommt, ist auch das erbliche Unheilsehr viel größer geworden. Heutzutage heirathen nahe oder nächst Verwandte oft ohne' Spur von gegenseitiger Neigung zusammen, damit die Kapitalien und der Refach in den, Familien schön beisammen bleiben. Gar oft heirathen noch unmündige, unreife Knaben

^ und Mädchen aus finanziellen oder Familieninteressen. Wie oft heirathen alte, decrepide,abgehauste Lebemänner irgend eine abgetragene, in ihren alten Tagen eine gute Erbschaftgemacht habende Wirthschaften» wegen desuuri suoras kumis" d. h. aus Geldhungerund zur Sicherung weiterer Subsistenzmittel? Traurig aber wahr!

Schon Confucius erlaubte seinen Chinesen nicht, daß zwei Leute mitgleichem Familiennamen zusammen heirathen. Eines der hochwichtigsten Kirchengesetzefür's praktische Leben ist gewiß das Verbot der Verwandtenheirathen.

Solon verbot den Athenern, ihren Töchtern eine Mitgift zu geben, damit ja dievernünftigen und natürlichen Motive der Ehe von dem Gelde nicht überragt werden.

Ja die Kinder erben leider die Sünden der Väter bis in's dritte und vierte Glied^ und werden so oftschlechtgeborne" Menschenkinder. Esmenschelt", wie Joh. Scherrsagt, gar oft und vielfach.

Verbindungen von alten Leuten sind ebenso unerquicklich, wie die von allzu jungen.

Hippel sagt:Alte Jungfern werden in der Regel überfromm und alte Hage-stolze sind meist gottlos, darum schon paffen sie nicht zusammen.