Plaudereien für's tägliche praktische Leben.
Von Dr. I. A. Schilling.
Euer Wo h'l geboren! Hochwohlgeborenl
Wie viele Briefe haben täglich die Posten zu befördern, auf denen in einfacher oderSchnörkelschrift obenan das „Seiner oder Ihrer W o h l g e b o r e n" pranget» Ichmöchte diese täglich geschriebenen Wohlgeboreu nicht zählen.
Es ist eine alte Sitte oder Unsitte, Jeden oder Jede, die ein bischen etwassind — mit „Wohlgebore n" zu traktiren. Und Wer wollte so unhöflich sein, dieseFormel das Wohl oder Hochwohl? oder Edel oder Hochgeboren? zu ver-nachlässigen? Und fragen wir uns, — die Hand auf's Herz offen und ehrlich — wasdenkt der Schreiber des „Wohlgeboreu" in der Regel dabei? — Meist ja in vier-fünftel der Fälle gewiß Nichts. Würde man beim Niederschreiben solcher Höflichkeits-formen wirklich seinen Gedankenapparat in Thätigkeit setzen, so würde sich zeigen, daßder Hochgeborne manchmal ganz tief unten in einem „kühlen Grunde" und der Nicht«wohl oder Niedergeborne wirklich hoch d. i. droben an der Schneegränze zurWelt kam. Und wie ist's wirklich mit dem Wohl und noch Wohler, dem H o ch-wohlgebornen? Sehen wir nicht täglich Hunderte an uns vorüberschleichen, -huschen,-fahren, -hinken, die „w o h l g e b o r e n" genannt werden und die ihr Geborenseinbedauern und ihr Wohl oder Hochgeborensein überhaupt geradezu verlachen oderbeweinen, wenn nicht sogar verfluchen.
Geboren sind wir, die wir auf diesem Planeten uns herumtreiben und denKampf um's Dasein kämpfen, Alle aber das wie? ist die große Frage? Leider sindgar Viele bei ihrer Geburt statt wohl oder sehr d. i. Hochwohl — im Gegen-theil sehr unwohl, sehr krank, schlecht, siech und elend zur Welt geborenworden. Oft klingt es genau und naturwissenschaftlich betrachtet, wie bitterer Hohn,einen elenden mit Krötenbauch, Hühnerbrust und Säbelbeinen zur Welt gekommenen —Halbcretin Wohlgeboren zu nennen I Man thut's aber doch, wenn der Menschnur ein bischen was geworden ist oder ein wenig mehr Geld hat, als andere armeTeufel seiner Umgebung! „W ir sind halt ein höflich Volk", sagt der Wienerund küßt jedem „Gnaden" von Geldmäckler die nickelschmutzige Hand.
Dagegen ist mancher Holzknecht im bayerischen Gebirge, — den man „dutzt"oder „erst" und ihm auf dem Briefe kein Wohlgeboren gönnt, sondern ihn nur „denund den Hans oder Michel titulirt, wirklich recht wohl und weil er drobenin der Hütte an der Felsenwand zur Welt kam, wirklich hoch und wohlgeborenalso h o ch w o h l g e b o r e n zugleich. Dies zeigen ja seine geraden Glieder, sein kernigfrisches Aussehen, seine geistige Kraft, seine körperliche Gewandtheit u. s. w.
Kurz und gut, beim wirklichen Wohlgeboren, bei dem man auch wirklich etwasdenkt, kommt es vor Allem darauf an, ob man wirklich wohl d. h. frisch undgesund in dieses irdische Dasein trat, oder ob man als Siechling und Schwach-matikus schon das Licht der Welt erblickte.
Aber gerade bei uns Europäern spielt die Erblichkeit d. h. die angeborneAnlage zu Krankheiten oder spielen auch die von Vater oder Mutter übertragenenwirklichen Krankheiten eine Hauptrolle. Sind ja gerade die schlimmsten Uebel und dieunheilbarsten und qualvollsten allmeist mit an's Licht der Welt gebrachte.
Sind nun solche mit erblichen Leiden Geborne, wirklich wohl-geboren? Gewiß nicht. —
Wer in Neichenhall oder Davo's oder Kreuth die Leberthran- und Ziegen-Molken-kneiper oder Bergluftschnapper fragen wollte, wird von Vielen erfahren, daß solche sehrschlecht geboren wurden.
Wer eine Krankheitsanlage oder wirkliche Krankheit von seinen Erzeugern ererbthat d. h. mit solcher, höchst bedauernswerthen Mitgift zur Welt kam, ist nur nicht wohl,sondern sogar sehr unwohl, sehr übel geboren.