Ausgabe 
(14.4.1883) 30
 
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wegen Weiterverbreitung auch durch geistige Ansteckung gefährlich wird, ist vielfach eineMitgift der Eltern.

Ist etwa solch ein Hypochonder wirklich wohlgeboren? Hierher gehört auchdie Schwindsucht mit ihrer Schwester Scrophulose. Legionen von Phtisikerndanken ihr Elend ihren Eltern. Eine Summe von Eigenthümlichkeiten des Körperbaueswerden von den Erzeugern den Kindern mitgetheilt, aus denen sich dann die Scrophelnund Tuberkeln herausbilden. Ist etwa solch ein Sprößling wohlgeboren, dessenHauptbeschäftigung Husten und dessen Körperzier Geschwüre sind?

Außer allem Zweifel steht auch die Erblichkeit von Krebsgeschwülsten. Istzum Beispiel der Vater krebsleidend, die Mutter außerdem an einem constitutionellen,(d. h. auf einem kranken Blutleben beruhenden) Leiden z. B. Blei-Quecksilberdyscrasie,Scrophulose rc. zehrend, dann kann es leicht vorkommen, wie B. W. Nichardson erzählt,daß, wie die traurige Erfahrung lehrte, das erste Kind an fressender Flechte (Imxus),das zweite an Lungenschwindsucht, das dritte an Gehirntuberculose und Fallsucht, dasvierte an Zuckerharnruhr, das fünfte und letzte aber an Krebs zu Grunde geht.

, Für viele solcher elend geborner Kinder ist es noch am Besten, recht bald zu Grundezu gehen bevor sie etwa groß geworden, durch allenfallsige spätere Heirathen wieder neuenUnglücklichen das Leben geben.

Erblich ist auch die Gicht, wie neuerdings Jonathan, Hutchinson undAndere nachgewiesen haben. Fast ausschließlich wird das Podagra vom Vater aufdie Kinder und ausnahmsweise nur von der Mutter weiter vererbt.

Die Uebertragung der Lustisuche oder Syfilis ist allzu bekannt, als daß mandarüber weiteres zu sagen brauchte. Auch von Vätern erbt sich das Uebel auf dieMütter» ebenso oft sogar auf die noch ungebornen Kinder fort. Sind solche mit demKainszeichen der Lues Behafteten wenn auchvon" zugenannt, etwa Wohl-geboren? Erblichkeit ist auch ziemlich häufige, ebenso fruchtbare wie furchtbare Quelledes Jrrseins. Was bei Großeltern oft nurNervosität" gewesen, wird bei denEnkeln Wahnsinn, besonders wenn gleiche Lebensverhältnisse fortdauern und das Blutnicht durch slückliche Kreuzung verbessert wird. Nur aller Jrrseinsfälle soll nach

Angabe des berühmten Doktors Moreau nicht vererbt sein und bei d/, soll Erb-lichkeit als Veranlassung in Betracht kommen. Gar oft istSauferei", d. h. Trunk-sucht der Eltern die Ursache des Jrrseins bei den Nachkommen. Meine Erfahrungenbestätigen dies vollkommen. Ich hatte einmal während eines Monats drei Geisteskrankein eine Anstalt zu schaffen. Der Eine, ein Kaufmann, hatte einen Vater» der bereitswiederholter Bewohner derselben Anstalt gewesen, der zweite hatte einen Trunken-bold zum Erzeuger. Dieses Irren noch einziger Bruder ist aber ein Idiot. Die dritteKranke der gräßlichste Fall, der mir in meiner langen Praxis vorkam, war einewunderhübsche» üppig gebaute, junge Dame, die an ihrem Hochzeitstage tobsüchtig wurdeund die ich nur mit Aufwand aller Mannskraft in die Anstalt bringen konnte. DasMädchen war körperlich vortrefflich geformt und in ihrer AeußerlichkeitWohlgeboren." Der Geist aber sehr schlecht geboren! Ihr Vater hatte sich vorher in einem Anfallevon Melancholie erhängt, ihr Bruder hatte sich in einem Delirium zum Fenster hinaus-gestürzt. Nur mit Haarsträuben denke ich an dieses Mädchen das ihr baldigesEnde im Wahnsinne fand. In jedem Lande steigt aber der Irrsinn mit der zunehmendenTrunksucht. Mit der Trunksucht, die auch nicht selten angeboren wird und ebenso mitder Nervosität steigern sich die Selbstmorde zur schaudererregenden Höhe.

CretiniSmus ist erwiesenerweise erblich, wie die Taubstummheit. Ebensoder Kröpf. Diese Uebel werden meist durch die Väter fortgepflanzt. Auch die Hämo-philie (d. i. Bluter-Krankheit) wie die Epilepsie sind bekanntlich häufig; erstere fastimmer durch Erbschaft entstanden.

Der gesammte moralische Charakter der Kinder hängt gar oft von den Eltern,meist von den Müttern ab.