Ausgabe 
(18.4.1883) 31
 
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Ein Wort noch, Herr Landkammerrath! Das Unglück, von dem ich gesprochen,kümmert Sie wohl, und um ihretwegen bin ich hierher gekommen, wie Sie sogleich hörenwerden I Ihr ältester Sohn liegt seit einigen Stunden in unserm Gasthaus; er hatden linken Arm gebrochen und ist außerdem noch verwundet!"

Mein ältester Sohn sollte in Eurem Dorf verwundet liegen?" unterbrach un-gläubig der Landkammerrath.Das muß ein Irrthum sein, denn er ist nicht einmal indieser Gegend, wir erwarten ihn erst in den nächsten Tagen von B. zurück!"

Es ist dennoch, wie ich sage, Herr Landkammerrath, und der Doktor, der ihnverbunden, hat mich-, hergeschickt, um Ihnen die Anzeige zu machen. Auch hat der jungeHerr mir eine Karte gegeben, die ich Ihnen einhändigen sollte", und der Bote begannnach dem ihm anvertrauten Blättchen Papier zu suchen, und zog es endlich aus einertiefen Rocktasche hervor, in der es in friedlicher Gemeinschaft mit seiner Pfeife und seinemTabaksvorrath gelegen. Es dem Herrn von Bodenwald reichend, sagte er triumphirendzu ihm aufblickend:

Da lesen Sie selbst den Namen, Herr Landkammerrath"

In diesem Moment öffnete Frau von Bodenwald die Thür des Vorzimmers. Siehatte der lauten Unterredung gelauscht, und mehrfach ihren ältesten Sohn nennen hörend,fühlte sie sich von einer plötzlichen Angst ergriffen. Jetzt sah sie in der Hand ihresGatten die Visitenkarte, und fragte hastig und in besorgtem Tone:

Hat der Mann uns irgend eine Nachricht gebracht, lieber Bodenwald?"

Ihr die Karte mit dein Namen des Sohnes reichend berichtete ihr der Landkammer-rath in aller Kürze, was er von dem Boten vernommen, und dieser die sichtliche Auf-regung der erschreckten Mutter gewahrend, fügte hinzu:

Fahren Sie nur gleich zu Ihrem Sohne hinaus, gnädige Frau, der, als ich ging,kaum seine Besinnung wieder bekomme»"

Wie aber konnte das Unglück geschehen?" fragte Herr von Bodenwald den Boten,dessen Schüchternheit vollständig geschwunden war, und der schnell entgegnete:

Das ist einfach genug zugegangen, Herr Landkammerrath. Die Pferde des Post-wagens, in dem sich der junge Herr befunden, und der noch dazu stark besetzt war, sindvor einer Heerde Kühe, die über den Weg rannte, scheu geworden und durchgegangen,und haben den großen Kasten gegen einen Meilenstein geschleudert, daß er umgefallenund zum Theil zerbrochen ist. Es liegen noch mehrere Verwunvete in unserem Wirths-hause, die übrigen Passagiere aber hat der Postillon in einem anderen Wagen weitergefahren, und werden sie auch wohl in der Stadt ankommen!"

Aber, lieber Bodenwald", kam die Landkammerräthin, welche um ihren Lieblings-sohn die größte Besorgniß empfand, einer zweiten Frage ihres Gatten zuvor,laß unsdoch so schnell wie möglich mit dem Medizinalrath hinausfahren, und selbst sehen, wiees um unseren Sohn steht, der einige Tage früher, als anfänglich er gewollt, zurück-gekommen sein wird!"

Das Nichtige dieses Vorschlages einsehend, befahl der Landkammerrath dem Dieneranspannen zu lassen, den Boten nach dem heißen Weg durch Speisen und Trank zu er-quicken, und den Hausarzt zur Mitfahrt nach Langenhagen aufzufordern. Dann folgteer seiner Gattin in ihr Zimmer, wo sie bereits ihrer Kammerfrau hastige Befehle er-theilte, und hinzufügte, sich zur Mitfahrt nach Langenhagen bereit zu halten, wo sievielleicht gar einige Zeit bleiben würden.

Liebe Frau", begann der Landkammerrath nicht ohne Besorgniß auf ihr bleichesGesicht blickend,Du solltest Dich noch nicht allzu sehr ängstigen, denn da jede Auf-regung Deiner Gesundheit schadet"

Und thust Du es vielleicht nicht?" fragte sie schnell.Müssen wir nicht wiederumauf's Schlimmste gefaßt sein? Denke doch nur an den Morgen, wo wir die Nachrichterhielten, daß Friedrich schwer getroffen in einer Dorfschenke liege, und wir, obgleich wirauf der Stelle zu ihm eilten"