Ausgabe 
(18.4.1883) 31
 
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Und davon weiß ich nichts?" An Deiner Stelle aber wiirde ich lieber englischeals französische Romane lesen."

Es stehen auch einige der ersteren, die der Pastor mir besonders empfohlen, ver-zeichnet, die französischen Romanverfasser will ich erst später kennen lernen."

(Fortsetzung folgt.)

Das Muster eines katholischen Seelsorgers.

* Christoph v. S ch m i d stellt, da er von seinem Aufenthalte an der Univer-sität Dillingen schreibt, im zweiten Bündchen seinerErinnerungen aus meinem Leben",welches Buch wir unseren Lesern erst kürzlich ganz besonders für geisterfrischende Lektüreempfohlen haben, als solches den Pfarrer Jgnaz Valentin Heggelin» einenFreund des hochseligen Sailer, dar. Die hübsche Erzählung mag hier Platz finden.Echmid schreibt:

Jgnaz Valentin Heggelin, Pfarrer in den gräflich stadionischen Markt-flecken Warthausen und Kämmerer des Landkapitels Biberach, war ein wahrhaft großerMann, von ausgezeichneten natürlichen Geistesgaben, seltener Weisheit und Menschen-kunde, und als Seelsorger von allumfassender, unermüdeter Thätigkeit. Er hatte Sailer'sSchriften gelesen, wünschte ihn näher kennen zu lernen, lud ihn auf das Pfingstfest zumPredigen ein, und fand alle seine hohe Erwartungen weit übertrofsen. Beide wurdeninnige Freunde.

Sailer schickte mich zu ihm.Em künftiger Seelsorger", sagte er,kann im Um-gänge mit ihm niehr lernen, als in allen meinen Vorlesungen." Heggelin behielt micheinig« Tage, ja Wochen bei sich. Er schenkte mir vom frühen Morgen bis zum spätenAbende alle seine freien Stunden. Ich fragte ihn über Vieles. Wenn ihn aber seineGeschäfte riefen oder, bevor ich mich am Abende zur Ruhe begab, zeichnete ich jedesmalauf, was er mir gesagt hatte. Am folgenden Morgen forderte er mich auf, wiederRegister zu ziehen, wie er zu sagen pflegte. Was ich damals aufzeichnete, hat Sailerin Heggelin's Biographie aufgenommen. Doch mag noch «ine kleine Nachlese stattfinde».

Heggelin ließ sich durch nichts von Befolgung der kirchlichen Anordnungen abhalten,und zeigte da einen strengen entschiedenen Ernst. Einst war eine ansehnlich« Gesellschaftbei ihm, und eben in einem interessanten Gespräche mit ihm begriffen. Da läutete mandie Gebetglocke, zur Erinnerung an den Gruß des Engels und an die Menschwerdungdes Sohnes Gottes. Er brach das Gespräch augenblicklich ab, und sprach mit der ihmeigenen Energie:Da jetzt die ganze Pfarrgemeinde auf den Knieen liegt und betet, sowäre eS schlecht, wenn der Pfarrer allein von andern Dingen reden wollte. So wichtigdiese Gespräche sein mögen, so ist nach fünf Minuten noch Zeit dazu." Er betete still-schweigend, und auch alle Anwesenden beteten. So ernsthaft er aber sein konnte, sofreundlich war er, zum Beispiel gegen Kinder, gleich der liebreichsten zärtlichsten Mutter.

Von den Heilsmitteln, welche die Kirche uns darbietet, machte er gewissenhaftenGebrauch. Er pflegt« jede Woche zu beichten. An jedem Freitage kam ein frommerGeistlicher aus der Nachbarschaft zu ihm, um ihn Beicht zu hören. Einmal, da mehrereGäste da waren, ging Heggelin mit ihm in ein anderes Zimmer, und als er zurückkam,war sein Angesicht was auch Sailer einmal bemerkt hat! von sanftem mildemGlänze wie verklärt und so helle, als fiele ein Strahl der Sonne oder des Mondesdarauf. Ich glaubte nun zu verstehen, was die heilige Schrift mit den Worten sagenwollte:Das Angesicht des Stephanus habe geleuchtet."

Heggelin hatte auch ein sicheres Ahnungsvermögen, desgleichen wohl jedein Menscheneinwohnet, das aber nur bei sehr ruhigen, von Leidenschaften gereinigten Gemüthern sichäußern kann. Er hatte mir und einem Freunde versprochen, nach Tische mit uns nachBiberach zu gehen. Er säumte aber lange bis er Hut und Stock nahm, ging sehr lang-sam, blieb unterwegs öfter im Gespräche stehen, und setzte sich zuletzt gar auf «ine von