Ausgabe 
(18.4.1883) 31
 
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Bäumen beschattete Bank, die nächst dem angenehmen Spaziergange von Warthausen nach Biberach angebracht war. und die er die wohlthätige Bank zu nennen pflegte. Ichbegriff nicht, warum er gar so sehr zögere und dachte, er habe gar nicht mehr im Sinn,heute in die Stadt zu gehen.

Da kam auf einmal ein schöner, wohlgekleideter Herr zu Pferde hierher gesprengt,grüßte Heggelin schon von Weitein, stieg ab und sagte, auf seiner sehr eiligen Reise seier nur für einige Stunden nach Warthausen gekommen, habe in dem Pfarrhofe ver-nommen, Herr Pfarrer sei gegen Biberach hin spazieren gegangen; er freute sich sehr,seinen väterlichen Freund doch wenigstens auf einige Augenblicke zu sehen. Dieser Herrwar der Graf Philipp von Stadion, nachmals kaiserlich-österreichischer Minister. Beidegingen jetzt, angelegentlich miteinander sprechend, auf und ab. Der Graf schwang sichdann wieder auf sein Pferd und eilte weiter.

Heggelin sprach hierauf zu uns:Es war mir immer, heute Nachmittags dürfe ichmich nicht weit von Hause entfernen. Ich sagte deshalb, bevor ich ging, zu meinerHaushälterin, wenn etwas vorfallen sollte, so sei ich auf dem Wege nach Biberach , biszu der ihr bekannten Bank sicher zu treffen; denn ich dachte, wiewohl wir heute nichtnach Biberach kommen, so ist es in dem schönen Rißthale doch ein angenehmer Spazier-,gang. Meine Ahnung hat mich auch nicht getäuscht."

Als beide Grafen Lipps und dessen Bruder Fritz, nachmals kaiserlich-österreichischerGesandte in München und späterhin Armee-Minister, noch Knaben waren, harten sie denPfarrer Heggelin, der mit ihnen so liebreich umzugehen und sie, wie sonst Niemand,zu unterhalten wußte, von ganzem Herzen lieb gewannen. O, wie oft erzählte Heggelinmir von ihnen! Er sprach auch immer von deren Eltern, besonders deren vortrefflichenMutter, Gräfin Luise, mit Ehrfurcht, Liebe und Anhänglichkeit.

Als Jünglinge brachten die Grafen Lipps und Fritz ihm einmal Schiller's Schau-spieldie Räuber", das Goethe die erste vulkanische Explosion eines Genie's nennt. DieHauptpersonen darin hatten sie hingerissen; wie denn die Ruinen eines großen Gebäudesnoch immer mehr interessiren, als das artigste Gartenhäuschen. Vieles aber hatte ihnen,als zu gräßlich, mehr mißfallen. Sie wollten hören, was Heggelin dazu sage. Er wußteüber Alles, worüber er gefragt wurde, etwas Treffendes und geeignetes vorzubringen.Was war aber da zu sagend Heggelin sagte:Ich vermuthe, der Verfasser habe zeigenwollen, daß adelige Jünglinge, aus deren Erziehung so Vieles verwendet wird, wenn siedoch ausarten sollten, äußerst böse und grundschlechte Menschen werden."

Der berühmte Schriftsteller Wieland, damals noch Stadtschreiber in Biberach , hieltsich viel bei der gräflichen Herrschaft in Warthausen auf. Er lernte Heggelin kennen,und ehrte ihn sehr hoch. Einst kam die Herrschaft in den Gottesdienst und Wielandbegleitete sie. Heggelin bot dem Grafen und der Gräfin Weihwasser, ihm aber nicht.Wieland fragte nachher:Warum haben Sie mir kein Weihwasser geboten?" Heggelinsprach:Weil Sie, Ihrer Konfession zufolge, das Weihwasser als eine leere Zeremoniebetrachten müssen, ich aber die Gebräuche meiner Kirche entweihen würde, wenn ich siezu bloßen Höflichkeitsbezeugungen herab würdigte."

Der angesehenste Beamte und Rath der gräflichen Herrschaft Stadion sagte mireinmal:Pfarrer Heggelin ist ein Mann von ganz außerordentlicher Einsicht und Willens-kraft; er eignete sich zu einem ganz vortrefflichen Papst."

Sailer hat Heggelin's Biographie geschrieben. Jeder Seelsorger sollte sie lesen.Mich beschämt sie tief. Wie wenig, wie nichts erschein' ich mir, wenn ich mich mitHeggelin vergleiche. Freilich kann nicht jeder mit Adlern fliegen; allein Heggelin's Lebenund Wirken sollte doch Jeden anregen, nicht auf einer niedrigen Staude oder ganz aufder Erde sitzen zu bleiben.