Ausgabe 
(21.4.1883) 32
 
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ihn behandelnden Aerzte einstimmig der Ansicht gewesen, daß nur der Aufenthalt ineinem gleichmäßig warmen Klima ihm Genesung sichern würde.

Zu diesem Aufenthalt hatte er sich lange nicht entschließen können, obgleich auchdas Nervenleiden seiner Gattin zugenommen und der Mevizinalrath die bestimmte Meinungausgesprochen, daß Orts- und Luftveränderung die einzige Hilfe und Rettung für sie sei.

Endlich aber trat ein Fall ein, der ihn zu einem schnellen Entschluß brachte. Semältester Sohn hatte sich von den, bei dem Umsturz des Postwagens erhaltenen Verletzungenvollständig erholt, so daß er wieder in den Staatsdienst treten und seine frühere Lebens-weise als reicher, junger Kavalier und Majoratserbe fortsetzen konnte.

Dies hatte seinem Vater ebenso viel Freude, wie Beruhigung gewährt, der nunernstlich an seine Verheirathung dachte, und die zu seiner Verlobung mit der von ihmzur Schwiegertochter ausersehenen jungen Gräfin erforderlichen Schritte erwog. Imletzten Sommer war er einer Einladung seines Bruders Karl nach dessen Garnison ge-folgt, um als geschickter Reiter an den dort stattfindenden Wettrennen Theil zu nehmen.Er hatte sich dem anstrengenden und aufregenden Vergnügen während dreier Tage über-lassen, und war darauf an einer Lungenentzündung erkrankt, die indeß seinen Eltern ver-heimlicht ward, von der er aber schnell genug genas und zu ihnen in die kleine Residenzzurückkehrte, wohin sie sich nach einem nur kurzen Sommeraufenthalt in Vodenwald begaben.Hier nahm er auf seine, vielleicht geschwächte Lunge keine Rücksicht, sondern ritt, jagteund tanzte, wie er sonst gethan.

Eines Nachts kehrte er mit einem stechendem Schmerz in der Brust aus einer Hof-gesellschaft heim, und hatte kaum sein Zimmer erreicht, als er zum Schrecken des ihnbegleitenden Dieners in einen Sessel sank, das Blut langsam seinem Munde entquollund er die Besinnung verlor. Bald war das ganze Haus aus dem Schlafe geweckt»und die aus's Höchste beunruhigten Eltern ließen den Medizinalrath rufen. Diesem ge-lang es, das Blut zu stillen; er erklärte, daß in der Lunge des jungen Mannes einGesäß gesprungen, bei vorsichtiger Pflege und großer Schonung aber keinerlei Gefahrvorhanden sei.

Hugo von Bodenwald's Herstellung währte verhältnißmäßig lange, und er mußtemehrere Wochen streng das Bett hüten. Als er anhaltend sprechen durfte, erzählte erseinen Eltern wie dem Arzt von seiner Erkrankung in B., und Letzterer sprach die Ueber-zeugung aus, daß seine Lunge durch den Unfall des verflossenen Sommers doch gelittenhabe und längere Zeit darüber vergehen könne, bevor sie gründlich geheilt sei. Er rieth,damit dies vollständig und dauernd geschehen könne, zu einem längeren Aufenthalt inItalien , und wußte dem Landkammerrath die Sache so dringend vorzustellen, daß diesersich auf der Stelle entschloß und die erforderlichen Vorbereitungen mit großer Eile betrieb.Auch Frau von Bodenwald that dies, und zu Anfang Oktober wurde von den zurück-bleibenden Söhnen Abschied genommen, und die Reise angetreten.

Die Reise führte zunächst nach Neapel » wo eine vollständig eingerichtete Villa ge-miethet werden sollte. Das Haus in der Residenz blieb in der Obhut eines älterenDieners, und Rente Ludwig von Bodenwald bei seiner eigentlichen Anwesenheit in derStadt zum Aufenthalte. Die Verwaltung der Güter war in sicheren Händen, und mitden übrigen geschäftlichen Angelegenheiten der Familie der Rechtsanwalt derselben betraut.

Die mehrwöchentlichen Arbeiten im Herrenhaus des Buchenhofs waren beendet, auchder letzte Handwerker hatte es verlassen, und befriedigt durchschritt der junge Gebietersämmtliche Räume, die er mit allem was sie enthielten, sein eigen nannte. Dabei ge-dachte er mit stiller seliger Freude der nicht mehr allzusernen Zukunft, wo ein geliebtestheueres Wesen sie mit ihm bewohnen, und als sein Weib ihm liebend und stützend zurSeite stehen werde. Denn Anna Kohring liebte ihn mit unveränderter Treue und hatteihm noch kürzlich in Vodenwald, wo er bisher fast wöchentlich gewesen, gesagt, daß, so-bald ihre Eltern ihre Einwilligung zu der Verbindung geben würden, sie jeden Tagbereit sei, ihm anzugehören. (Fortsetzung folgt.)