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Drei Jahre waren seit Anna Kohring's Einzug als Herrin des Buchenhofs ver-flossen. Es war eine Zeit unbeschreiblichen Glückes für das junge Paar gewesen; in ihrersteten Sorge und Pflege hatte sich ihres Gatten Gesundheit gekräftigt, und wenngleicher zur Winterzeit noch die größte Vorsicht beobachten mußte, so hatte offenbar sein Brust-leiden keine Fortschritte gemacht.
Ihr beiderseitiges Glück war durch die Geburt einer Tochter erhöht worden, die zudieser Zeit fast zwei Jahre zählte, und ihrem Vater sprechend ähnlich, in jedem Zug deskleinen ausdrucksvollen Gesichtchens, das eine reiche Fülle goldblonder Locken umgab, eineechte Bodenwald war, jedoch die kräftige Gesundheit ihrer Mutter geerbt zu haben schien,und in der Taufe die Namen Anna Thusnelda, letzterer ein Familien-Namen der Boden-wald, erhalten. Sie war zugleich die größte Freude der Großeltern und Bergmann's»deren Wagen oft, sehr oft auf dem Wege nach dem Buchenhof, dem alten Eulennest desLandkammerrathS, zu treffen waren, um dessen glückliche, ihnen Allen so theure Bewohnerzu besuchen.
Wenn nun auch Anna gleich einem guten Engel im Gutshause wie über den ganzenBuchenhof waltete, ihr Gatte in ihrem Besitz sich mit jedem Tage glücklicher fühlte, dieallgemeine Liebe und Verehrung ihr zu Theil ward, so hatte sie doch noch kein Zeichender Anerkennung von den Eltern ihres Galten erhalten, und schien in der That nichtfür sie vorhanden zu sein. Ludwig von Bodenwald hatte vor drei Jahren seine Ver-heiratung nach Neapel gemeldet, sein Vater aber nicht darauf geantwortet, sondern ihmmitgetheilt, daß seines Bruders Karl's Hochzeit mit der jungen Baronesse stattgefunden,sie bis zum Frühling in Italien bleiben würden, dann aber Ersterer seinen Dienst wiederantreten müsse.
Im Laufe der Zeit zeigt« er seinem Vater die Geburt seiner Tochter an, woraufdieser ebenfalls nicht antwortet«, dagegen ihm ein halbes Jahr später schrieb, daß seinBruder Karl, Vater einer Tochter geworden, die den Familien-Namen Thusnelda führe.
Hugo von Bodenwald und seine Gattin hatten einen Sohn gehabt, was der Land-kammrrrath mit großer Freude auf Bodenwald und Buchenhof angezeigt, doch war dieser,leider im früheren Alter gestorben- Ein langjähriger Diener hatte die kleine Leiche nachDeutschland und Bodenwald gebracht, wo die Beisetzung in deren Familiengruft statt-gefunden, und auf besonderen Wunsch seines Vaters der Gutsherr vom Buchenhof dieFamilie vertreten.
Im vierten Jahre der Ehe des Majoratserben fand die Geburt eines zweitenSohnes statt, der wenige Stunden darauf starb und auch seiner Mutter das Leben kostete.Es war ein harter Schlag für den jungen Mann, der seine Gattin aufrichtig geliebt,und dessen Glück nun der Tod so plötzlich vernichtet. Die Leichen wurden wiederumnach Bodenwald übergeführt, doch konnte der trauernde Vater sie nicht, wie er beabsichtigt,begleiten, da die Aufregung und der Schmerz über seinen Verlust auch ihn auf's Kranken-lager geworfen, und sein Bruder Ludwig mußte die feierliche Beisetzung leiten.
Hugo von Bodenwald's Krankheit war langwierig und nahm nach und nach einengefährlichen Charakter an. Es war der Plan des Landkammerraths gewesen, im nächstenFrühjahr nach Bodenwald zurückzukehren, doch sah er mit unaussprechlichem Kummer,den auch seine Gattin theilte, daß für seinen ältesten Sohn und Erben keine Hoffnungvorhanden sei, das Vaterland lebend wieder zu sehen. Das schleichende Fieber rieb seineKräfte aus, und ungeachtet der geschicktesten Aerzte und der sorgsamsten Pflege erlag erder Gehirnkrankheit, die ihn einige Tage nach dem Tode seiner Gattin und seines Sohneserfaßt, und schon auf Wochen des Bewußtseins beraubt hatte.
Diese Nachricht langte zu Ende September auf dem Buchenhof an. Es war an, einem Sonntag Nachmittag, an dem Kohring's und Bergmann's daselbst erwartet wurden,denn des Försters Geburtstag sollte festlich begangen werden. Der Gutsherr, der nachBodenwald zur Kirche gefahren war, wollte nach dem Gottesdienst seinen Schwiegervater