Ausgabe 
(2.5.1883) 35
 
Einzelbild herunterladen

276

beglückwünschen, und mit den lieben Gästen heimfahren. Anna hatte das Wohnzimmermit den schönsten Herbstblumen geschmückt, die in reicher Fülle in ihrem Garten blühten,und nach Kinder Art war ihre kleine Tochter ihr dabei hülfreich zur Hand gegangen.Als sie ihre Arbeit beendet, die Geschenke für den geliebten Vater geordnet, und dengroßen, selbstgebackenen Kuchen, den die kleine Anna unter Jubel und Händeklatschen ausder Speisekammer begleitet hatte, auf den Tisch gestellt, kleidet« sie sich und das Kindfestlich an, und begab sich dann mit diesem vor das Haus, wo sie die zu erwartendenWagen schon aus der Ferne erspähen konnte.

Mit der Kleinen tändelnd, die neben ihr auf den weichen Kissen der Bank saß,fiel ihr plötzlich der kranke Bruder ihres Gatten ein, dessen Zustand, dein letzten Briefedes Landkammerraths nach, wenig Hoffnung auf Genesung zuließ. Sie freute sich, daßder Postbote keinen Brief aus Neapel gebracht hatte, und hoffte, das kleine Fest, soweites die Familienereignisse zuließen, fröhlich verlaufen zu sehen, als die Allee hinabdeutenddie Kleine lebhaft ausrief:

Ein Pferd, Mama, ein Pferd!"

Anna blickte hin und sah einen rasch näherkommenden Reiter, den indeß ihr scharfesAuge nicht zu erkennen vermochte. Ein vor dem Wirthschaftsgebäude stehender Knechtging ihm entgegen, nach wenigen gewechselten Worten stieg er ab, und während Jenerdas Pferd bei Seite führte, näherte er sich der Bank, wo schon das Kind voll Ungeduldseiner wartete. Als er sie erreicht, übergab er grüßend Anna einen Brief, den er derVrusttasche seines Rockes entnahm, und erklärte zugleich, daß er von dem Postmeister inD. geschickt sei. Sie sah bald, daß dies auf dem Brief besonders begehrt worden, deraus Neapel und von ihrem Schwiegervater kam. Bei seinem Anblick empfand sie plötz-lich ein unnennbares Weh, ein schneidender Schmerz durchzuckte ihr Herz und ihre Brust,und dem Boten sagend nach dem Hause zu gehen und sich nach dem weiten Ritt zustärken, fragte sie ihn zugleich, ob er auch in Bodenwald gewesen, was er jedoch ver-neinte und sich entfernte.

Das verhängmßvolle Schreiben dann wieder zur Hand nehmend, ruhten lange ihreAugen mit nachdenklichem Ausdruck darauf. Es mußte was besonderes Wichtiges ent-halten, denn noch nie hatte der Landkammerrath Briefe durch einen Eilboten geschickt,und einen Augenblick dachte sie ihn ihrem Gatten erst nach dein Mittagessen zu geben.Das war indeß unmöglich, denn Bergmann konnte schon am Morgen ^ Nachricht ausNeapel erhalten und die neuesten Ereignisse mitgetheilt haben. Unschlüssig, was zu thunsei, um wenigstens nicht die ersten Momente des Beisammenseins zu trüben, schob sieden Brief in die Tasche als abermals ihre kleine Tochter, und diesmal jubelnd ausrief:

Pferde, Mama, Pferdei Papa kommt!" ihre Hand ergriff und sie schnell in'sHaus führte.

Die Freude ihres Kindes wirkte auch auf sie zurück, und ihre Züge belebten sichnoch mehr, als sie die heiteren Gesichter in dem schnell herankommenden Wagen sah, deralsbald hielt. Nach gegenseitiger lebhafter und herzlicher Begrüßung begrüßte sie dengeliebten Vater, dem auch die kleine Enkelin, so gut es ging, ihre Glückwünsche aus-sprach, und der diese darauf auf seine Schulter hob, was sie laut und fröhlich geschehenließ. - - (Forts, folgt.)

«»ldrsrner.

Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind!

Die guten flattern fort im Wind,

Und keiner ist, der taubenfrommZurück mit grünem Oelblatt komm'.

Die schlimmen hascht der Teufel einUnd stutzt nach seinem Sinn sie fein,

Erfüllt sie dir zu Leid und Last,

Wenn du sie längst bereuet hastl Bernhard Endrulat .

Es ist gleich schwach und gefährlich, die öffentliche Stimnie zu viel und zu wenig zu achten.

Seume -