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Marschall Nazaine und -sr Krieg 1870.
Der ehemalige Commandirende der „Rhein-Armee", Marschall Bazaine, hat inMadrid unter dem Titel „Episoden aus dem Kriege 1870 und die Einschließung vonMetz" ein umfangreiches Buch erscheinen lassen, dessen Vertrieb in Frankreich verbotenworden ist. Man könnte dieses Verbot so auffassen, als ob die dritte französische Republikhinsichtlich des Ex-Marschalls, der im Mai 1872 vor ein Kriegsgericht gestellt und vondiesem im Dezember 1873 zum Tode verurtheilt wurde, kein gutes Gewissen habe. Mankann aber dieses böse Gewissen getrost auch auf das französische Volk ausdehnen, das solange über den „Verrath" Bazaines schrie, bis die Regierung zur Beschwichtigung der öffent-lichen Meinung den Marschall zur Verantwortung zog. Daß der Prozeß Bazaine vommilitärischen Standpunkte aus eine Ungeheuerlichkeit war, diese Auffassung hat sich bisauf den heutigen Tag überall, außer in Frankreich , erhalten und gewinnt durch das vor-liegende Buch von neuem Bestätigung. Andererseits mag es der französischen Regierungdamals aus politischen Gründen nützlich erschienen sein, einen General, welcher als treuesterund fähigster Diener der lästerlichen Herrschaft galt, an den Pranger zu stellen, alspersönliche Sühne für das Unglück, welches die Waffen Frankreichs betroffen hatte. —Eambetta, dessen überschwengliche Plane die Capitulation von Metz rauh kreuzte, warder erste, welcher Bazaine für einen Verrüther erklärte, und freudig stimmte Frankreich der Verdammung bei, da ja auf diese Weise das Mißgeschick der Armee greifbar erklärtwurde, denn der richtige Franzose glaubt es ja so gern, daß französische Truppen un-besiegbar seien, wenn nicht — Verrath dabei im Spiele ist. Diese Legende ist seit derSchlacht von Leipzig so ziemlich fixe Idee und patriotische Ueberlieferung geworden. —Die Geschichte des Prozesses Bazaine ist auch diejenige des Krieges bis zum Falle vonMetz , welche der Marschall in seiner Darstellung uns nochmals vor Augen führt.
Die einleitenden Betrachtungen stellen fest, daß Bazaine schon vor 1870 dem Kriegs-minister wiederholt Vorschläge wegen Verbesserungen in Bezug auf Organisation undTaktik gemacht habe, aber ckhns Erfolg. Die Mängel der Centralisation werden hervor-gehoben und erklärt, daß die Macht und der Einfluß der commandirenden Generäle gleichNull gewesen sei. Daß der Krieg gegen Preußen seit 1867 beschlossene Sache war, gibtder Marschall zu; ebenso, daß nicht allein die Armee, sondern auch das Volk denKrieg herbeigewünscht habe. — Bazaine nahm im Jahre 1869 in seiner Stellung alsCommandeur des 3. Armeecorps (Hauptquartier Metz) auch Veranlassung, die Aufmerk-samkeit des Kriegsministers auf die Wichtigkeit der Stellung bei Frouard hinzulenken,welche in ein befestigtes Lager umzuwandeln sei, und erhielt die bezeichnende Antwort:„ljunuä norm <zn soi'vns lä, norm l-orons stion muiackos!« So wenig dachte man trotzaller Kriegsgedanken an die Möglichkeit, im eigenen Lande angegriffen zu werden.
Am 1b. Juli 1870 erhielt Bazaine den Befehl über das mobile 3. Corps derRhein-Armee (er war im Herbst 1869 zum Commandeur der kaiserlichen Garde ernanntworden), und hiermit beginnt seine Thätigkeit während des Krieges 1870. Es wird nundurch eine Menge authentischer Noten bestätigt, daß der Armee trotz der Erklärung desKriegsministers, sie sei „urostipwöt"; so ziemlich alles fehlte, was für eine gute Feld-AuSrüstung erforderlich ist. Es mangelte an Lebensmitteln, Wagen, Zelten, Kranken-trägern, Pferdegeschirren; Sanitätsausrüstungen, ja, sogar an Geld. Noch gegen EndeJuli meldet General Failly : Keine Hülfsmittel vorhanden, kein Geld in den Kassen. Esfehlt uns in jeder Beziehung an Allem! Trotzdem trug man sich im französischen Haupt-quartier mit Angriffsgedanken, und als Abschlagszahlung erfolgte am 2. August die„Schlacht von Saarbrücken", in welcher drei Divisionen gegen drei preußische Bataillonekämpften.
Am b. August übertrug Napoleon dem Marschall den Befehl über das 2., 3. und4. Corps, aber nur hinsichtlich der militärischen Operationen. Seine Thätigkeit währendder Schlacht von Spichern (6. August) ist öfters Gegenstand der Kritik gewesen, jedochtrifft den Marschall keine nachweisbare Schuld, daß das 2. Corps (Frossard) von dem