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Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nachbelebten sich ihr« Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überraschtund mit schwacher Stimme:
„Frau Bergmann, Sie hier?"
„Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ei» Traum geängstigt —"
zO, ein schrecklicher, furchtbarer TraumI — Ich sah Ludwig bleich und mit Blutbedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — ach! es war ein grauenhafterAnblick-"
„Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu veruhigen,„und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nichtmehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfengeben! —"
Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sankdann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest ein-geschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augenzu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein!— Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienan-gelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frauund Kind denken, und sich für sie erhalten.
Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnteThür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß siesanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch un-gewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefaltet. Sicherlich warsie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! —
Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein,allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und,sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie in» Hause wie aus dem Gutshofreges, munteres Leben vernahm.
Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, dassie ankleidete, was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stundesie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aus-sah, nach gegenseitigem Morgengruß:
„Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört undbeunruhigt worden sind —"
„Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie be-sorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin.
„Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Ersterefort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde,das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen daswillkommene erste Mahl verzehrte.
Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fandensich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging,Frau Bergmann sie kaum sah, und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte.Dann kam die Försterin von Bodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und er-zählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am'Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen-hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traumihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichenhaltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zudenken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt.
Nach dein Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Annaein Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigend