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aus seinen männlichen Augen Herabsielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seineBrust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, dieallein zugegen waren:
„Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nach-richt mittheilen, die ihr Tod sein wird?"
Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und siein ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte imTone innigster Theilnahme:
„Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sieist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —"
„Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt,denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hierzugetragen!"
„Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhofkommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!"
„Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlichsein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vor-bereiten, denn hier bleibt für mich nichts ;u thun übrig!" — und sich zu dem Todtenneigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafe in Frieden, Ludwig — Dubist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, undich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du soinnig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Cinfeld die Hand reichend, ver-ließ er dann schnell das Zimmer und das Haus.
Im Gafthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen anBergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleichnach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscheranspannen, gab ihm den Bries und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren undihn den: Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderenWagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzenden Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechenderDämmerung erreichen konnte.
X.
Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnellgenug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Stsinhauerfamilien fleißiggeschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrereandere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gesprächerheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr ausder Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet.
Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alleBewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann undAnna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte undsie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ.
Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durchein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward.
Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer,das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutterruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstelltenEesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt waren, fanden noch-mals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgendeinen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedochschwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit ei»em schweren Seufzer dieAugen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. —