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Sie selbst nahm indeß mit ihrer Enkelin am Fenster Platz und erzählte ihr die Geschichten,welche schon das Herz ihrer Mutter in deren Kindheit entzückt und erfreut. So ging derkurze Wintertag zu Ende; in der vergangenen Nacht hatte ein leichter Schneefall statt-gefunden, und dabei sich Frost eingestellt, so daß die letzten Strahlen der untergehendenSonne' auf eine schöne Winterlandschaft fielen, die zwar die schneebedeckten Bäume desWaldes begrenzten, deren jetzt vom Abendroth rosig gefärbte Gipfel einen wunderbarherrlichen Anblick gewährten.
Der wechselnde Mond, welcher während des ganzen Tages am Himmel sichtbargestanden, leuchtete in das Zimmer hinein, in dem Großmutter und Enkelin saßen, undeben wollte Erstere der bisher so aufmerksamen Kleinen auch von ihm erzählen, als diesesie ungeduldig unterbrach und nach ihrem Vater fragte. '
Jetzt trat Frau Bergmann ein, und da sie die Frage noch lauter wiederholte, er-mähnte sie es, ruhig zu sein, um nicht die noch schlafende Mutter zu wecken.
Diese erschien indeß bald; ihre Tochter lief ihr entgegen und fragte sie auch inweinerlichem Ton nach dem Vater. Sie auf' den Arm nehmend erwiderte Anna unterzärtlichen Liebkosungen, doch mit merklich erregter Stimme:
„Papa wird sogleich kommen, mein Herzchen, Du kannst vielleicht schon seinen undGroßpapa's Wagen hören. Wir wollen den Kaffee bereiten und die Lampen anzünden,damit sie schon aus der Ferne sehen, daß wir sie erwarten!"
Das behagliche Wohngemach, in dessen Ofen ein Helles Holzfeuer brannte, warbald erhellt, auf dem sauber gedeckten, einladenden Kaffeetisch kochte die dampfendeMaschine, während Anna den aromatischen Trank bereitete und sich dabei mit ihrer Mutter,Frau Bergmann und ihrer kleinen ungeduldigen Tochter unterhielt.
Ersteren entging es nicht, daß sie in hastiger Erregung und nicht in der freudigenStimmung war, in der eine glückliche junge Frau den geliebten Gatten, wenn auch nachnur kurzer Trennung erwartet. Sie schrieben dies stillschweigend dem noch nachhaltenden !Einfluß des häßlichen Traumes zu, dem indeß die Rückkehr des Gatten den Stachel amwirksamsten nehmen konnte.
Nach einer Weile trat sie an's Fenster und blickte auf die schneebedeckte Landstraßehinab, auf welcher der Mondschein jeden Gegenstand erkennen ließ, doch war dort nochkein Wagen zu entdecken. Auf deni Gutshof bewegten sich Knechte und Mägde, welchein den Scheunen und Ställen ihre Arbeit verrichteten, und deren munteres Lachen undSprechen nach dem Hause hinübertönte. Jetzt sah sie eine stattliche Männergestalt mitraschen Schritten den Gutshof betreten; es war unverkennbar der Verwalter Bergmann, ^
der mit einigen der ihm begegnenden Leuten sprach, und dann langsam der Landstraße j
zuging. Sie theilte dies den sie fast ängstlich beobachtenden Frauen mit und fügte hinzu:
„Weshalb mag er nicht zu uns gekommen sein, da doch Ludwig und der Vater )
jeden Augenblick hier sein muffen? — Uebrigens kehrt er wieder um — —"
Wirklich war dieser, der von Allen so sehnlich erwartet war, hörbar, und baldwar er auch nahe genug, um ihn zu erkenne» und Frau Kohring, die an's Fenster ge-treten, sah, daß der Fußgänger, der am Thor stand, ihn aushielt und mit dem Jnsaßensprach, worauf er von diesem gefolgt, dem Hause zufuhr. Anna trat jetzt mit freude-strahlendem Gesicht vom Fenster zurück; der Traum war offenbar vergessen, und ihrKind auf den Arm nehmend eilte sie mit den Worten:
„Anna, Papa kommt!" auf den Flur hinaus.
Die Kleine jubelte laut und klatschte in die Hände, als sie den Wagen erblickte,der sogleich halten mußte und hielt. Der Förster stieg aus, in ihrer Aufregung sah sienicht, daß es ein fremdes Fuhrwerk war, und einen Schritt näherntretend rief sie tödt-lich erbleichend:
„Ludwig — Vater, — wo — wo ist Ludwig?"
Die Frauen, die ihr gefolgt, blickten fragend und besorgt auf den Förster und