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Bergmann, der eben eingetreten war. Aus Beider Zügen sprach die tiefste Trauer, undErsterer erwiderte seiner Tochter:
„Ludwig ist diesen Morgen plötzlich erkrankt, Anna, und kommt heute nicht-"
„Vater, Du sprichst nicht die Wahrheit, er ist todt — todt!" und einen gellendenSchrei ausstoßend, wankte sie und sank bewußtlos in die Arme ihres Vaters, währendihre Mutter das ihren Händen entgleitende, ebenfalls schreiende Kind erfaßte. —
Kohring trug sie in ihr Schlafzimmer auf's Bett, wo sogleich Frau Bergmann mitden vorhandenen Mitteln erschien, um sie der Ohnmacht zu entreißen. Als sie und FrauKohring diese anwandten, hielt der Förster seine plötzlich verstummte Enkelin auf demArm, die seinen Hals fest umklammert- hatte, und erzählte in hastigen Worten, was eram Morgen erlebt. Mit tiefem unaussprechlichem Schmerz vernahmen die Frauen, daßAnna's Traum, den sie den erstaunt horchenden Männern mittheilten, nur zu bald zurWahrheit geworden.
Es blieb Ihnen aber keine Zeit, sich über das traurige Ereigniß, das auch schonim Hause bekannt geworden, auszusprechen, denn da die Ohnmacht nicht weichen wollte,erforderte Anna's Zustand ihre ganle Aufmerksamkeit, und mit großer Erleichterung ver-nahmen die Frauen, daß der Förster mit dem Medizinalrath gesprochen und dieser füralle Fälle sein Erscheinen zugesagt.
Er hielt Wort und langte nach kaum einer halben Stundn an. Nachdem er er-fahren, daß Kohrings Befürchtung nicht umsonst gewesen, untersuchte er mit der ganzenTheilnahme, die er für sie empfand, die Kranke und wandte die mitgebrachten Mittel an.Diese, wie ein Aderlaß, zu dem er ebenfalls seine Zuflucht genommen, bewirkten zwar,daß wieder Bewegung in die erstarrten Glieder kam, Puls und Herzschlag eintrat, dochblieben die Augen und der Mund geschlossen, und war auch kein Zeichen zurückkehrendenBewußtseins wahrzunehmen.
Bkit bedenklichem Gesicht begab sich der Medizinalrath in's Wohnzimmer, wo Kohringund der Verwalter in ernstem Gespräch saßen, die kleine Anna aber an ihrem Tisch ge-schäftig eine große Schachtel ausräumte, die ihr der Großvater aus der Stadt mit-gebracht und darüber für den Augenblick den Vater und die Mutter vergessen hatte»Ihren fragenden Blick verstehend sagte er Zu dem Förster:
„Es wird ein schweres Gehirnfieber werden, Herr Kohring, und müssen Sie so-gleich einen zuverlässigen Boten zur Stadt schicken und die erforderlichen Arzneien holenlasten. Auch wollte ich meiner Frau Nachricht geben, denn ich bleibe diese Nacht hier, undwill den Zustand des armes Kindes überwachen, indem jeden Augenblick Veränderungeneintreten könnten!"
„Ich reite zur Stadt", sprach sich erhebend der Verwalter, dessen Augen feuchtschimmerten, „ich richte alle Ihre Besorgungen aus, Herr Doktor. Es ist dies ein ver-hängnißvoller Nitt, den, da Kohring hier bleiben muß, nur ich übernehmen kann, undmit' Gottes Hülfe werde ich schnell und sicher wiederkommen!"
Der Förster hatte sich ebenfalls erhoben und drückte dem treuen Freunde stummdie Hand. Dieser fuhr fort:
„Schreiben Sie nur die Recepte, Herr Doktor, unterdeß will ich unseres armenLudwig's Braunen satteln lassen, der das beste hier vorhandene Pferd ist, und nochkeinen solchen Ritt gethan! — Du aber, Kohring, schicke mir ein anderes entgegen, da-mit ich unterwegs keinerlei Aufenthalt habe! —"
(Fortsetzung folgt.)
Goldkörner.
Du könntest mehr der Mann sein, der du bist,
Wen» du es wcn'ger zeigtest. Shakespeare .
Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verständen sie auch.
Goethe.
Sehnsucht nach dem Besten veredelt die Seele unaufhörlich. La vater.