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Ein Flregenstich.
Humoreske aus dem Gaunerleben.
Die Londoner Gaunerzunst, namentlich aber die edle Zunft der Taschendiebe, zähltin ihren Reihen >so manche „genial angelegte Natur", die aber ihr Talent leider nurdazu benutzt, im wahren Sinne des Wortes aus anderer Leute Taschen zu leben. —Immerhin gehört aber zur Ausübung dieser Kunst eine genaue Berechnung aller Um-stünde, vollständige Kaltblütigkeit — um das etwas „hart" klingende Wort „Unverschämt-heit" nicht anzuwenden und Ia!-t dut not lonst — eine sichere Hand, und diese Eigen-schaften haben den Taschendieben der Metropole an der Themse einen gewissen Rufverschafft.
Auch Mr. Smith, ein reicher Handelsherr der City, sollte jüngst einen für ihnallerdings etwas unangenehmen Beweis von der Virtuosität erhalten mit welcher dieseHerren ihr Handwerk auszuüben wissen. Also Mr. Schmith begab sich eines Morgensvon seiner Wohnung, Old-Street, zu seinem Bankier, Kannon Street, um sich die Kleinig-keit von 100 Pfund zu holen. Auf drin Heimweg hielt Mr. Smith beständig die Handin die Tasche, in welcher er das Geld trug, und doch war das Geld verschwunden, alser zu Hause anlangte. Nun konnte der sehr ehrenwerthe Handelsherr den Verlust dieserkleinen Summe allerdings leicht wieder verschmerzen, aber unangenehm war ihm die Sachedoch und namentlich war ihm die Art und Weise, auf welche das Geld verschwunden,völlig räthselhaft. Nach einigem Besinnen ließ er einen ihm bekannte» Detektive zu sichbitten und theilte ihm die Affaire, sowie den Weg, welchen er genommen, mit.
„O, da ist kein Zweifel", erwiderte Mr. Tumble, der Detektive ohne Zögern, „dasGeld hat entweder die „rothe Tonne" oder der „Seiderspinner."
„Wer — was?" unterbrach ihn Smith mit erstaunter Miene.
„Ach, ich vergaß", unterbrach ihn der Beamte lächelnd, „die „rothe Tonne" undder „Seidenspinner" gehören zu den geriebensten unserer Taschendiebe, von denen jedersein besonderes Revier hat. Die „rothe Tonne" nun hat etwa die Gegend von CityRcad bis Smitfield und der „Seidenspinner" herrscht von da an bis etwa Thomas-Street. Wenn Sie es wünschen, so hoffe ich es noch bis heute Nachmittag herauszu-bekommen, wer von den Beiden Ihr Geld gestohlen hat."
„Ich wäre Ihnen in der That sehr verbunden, Mr. Tumble", erwiderte Mr.Smith eifrig, „und bitte, theilen Sie dem betreffenden Gentleman mit, daß es mirnatürlich nicht einfällt, mein Geld wieder haben zu wollen oder ihn dem Gesetze zu über-liefern, sondern ich möchte ihn nur um persönliche Auskunft bitten, auf welche geschickteArt er die 100 Pfund in seinen Besitz gebracht hat."
Nachdem Mr. Tumble versprochen, sein Möglichstes zu thun, entfernte er sich undschon am Nachmittag erhielt Mr. Smith ein Billet von dem Beamten, daß Mr. Grape,der „Seidenspinner", der jetzige Besitzer der 100 Pfund sei und sich am nächsten Tageum 12 Uhr die Ehre geben würde, Mr. Smith zu besuchen. Pünktlich um die angegebeneStunde erschien am nächsten Tage der „Seidenspinner" bei Mr. Smith, welcher mitVerwunderung in dem berüchtigten Taschendiebe ein kleines, unscheinbares Männchen mitharmloser Miene und untadelhafter Kleidung erblickte, welches nach einer gewandtenVerbeugung, ohne weiteres begann:
„Die Sache ist ziemlich einfach, Mr. Smith; ich sah Sie gestern zufällig Kannon-Street hingehen, und da Sie Geld holen wollten, so behielt ich Sie fortan im Auge."
„Woher wußten Sie, daß ich Geld holen wollte?" unterbrach Mr. Smith seinenBesuch mit unverkennbarem Erstaunen.
„Nun", erklärte der ehrenwerthe Gentleman, „aus Ihrer äußern Brusttasche lugteein großer Zipfel von jenen gelbgestreiften Säcken hervor, mit denen man gewöhnlichGelder von der Bank zu holen pflegt und da wußte ich genug."
„O, was bin ich für ein Escll" rief Mr. Smith aus.
Mr. Grape lächelte mit einer Miene, in welcher deutlich zu lesen stand: „Ich bin