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entfernt das Gegentheil zu behaupten", doch sprach er diesen Gedanken nicht aus, sondernfuhr in seiner Erklärung ruhig fort:
„Ich sah Sie in ein Bankgeschäft in Kannon-Street treten und wartete, bis Siewieder herauskamen, und nun richtete ich mein Augenmerk auf Ihre linke Rocktasche, inwelcher Sie das Geld trugen."
„Woher wußten Sie denn nun wieder, daß ich das Geld in der linken Rocktaschehatte, es konnte sich doch ebensogut in der rechten oder in der Brusttasche befinden?"
„Sie selbst ließen mir hierüber keinen Zweifel", sagte Mr. Grape, „denn Siehielten beständig Ihre Hand in der linken Tasche."
„Ah — allerdings sehr einfach", meinte Mr. Smith, „aber weshalb schnitten Sienicht die Tasche ab?"
„Sie würden dann wahrscheinlich das Gewicht des Goldes sofort vermißt haben,und so beschloß ich zu warten, bis Sie die Hand aus der Tasche nehmen würden."
„Ich weiß aber doch ganz genau", rief Mr. Smith in bestimmtem Tone, „daß ichdie Hand keinen Augenblick aus der Rocktasche genommen habe und . . ."
„Doch, doch", unterbrach ihn sein Besuch mit eben solcher Bestimmtheit.
„Nun, da will ich mich doch gleich hängen lassen, wenn das wahr ist."
„Sagen Sie so etwas nicht, Sir", sagte Mr. Grape in höchst ernsthaftem Tone,„doch, um an das Ende zu kommen, — es dauerte mir selbst etwas lange, und da Sieschon in der Nähe von Smithfield waren, so mußte ich fürchten, daß Sie der „rothenTonne" in die Hände lausen würden; ich beschloß daher, den letzten Versuch zu machenund die Fliege anzuwenden."
„Die Fliege?" wiederholte Mr. Smith im höchsten Erstaunen, „was verpetzen Siedarunter? — "
Sir", erklärte Mr. Grape mit feinem Lächeln, „Sie blieben einmal voreinem Bilderladen stehen, nicht weit von der Post, wenn Sie die Güte haben wollten,sich zu erinnern . . . ."
„Nichtig, richtig", nickte der Handelsherr, „nun?"
„Nun, Mr. Smith, fühlten SieAda nicht einen Stich in der linken Wange, wievon einem Insekt?"
„Ah, ah, — ich begreife."
„Ja, Sir, Sie zogen die Hand aus der Tasche, um sich die gestochene Stelle einenAugenblick zu reiben, diesen günstigen Momen benutzte ich und — die 100 Pfundwaren mein."
„Ich muß leider gestehen, Mr. Grape, daß Sie da wirklich eine Virtuosität ent-wickelt haben, ... das muß ich selber sagen."
Als Gentleman hielt natürlich Mr. Smith sein Versprechen, keinerlei Schritte gegenihn zu unternehmen, aber er warnte alle seine Bekannten, ja nicht die Hand aus derTasche zu nehmen, sobald ein kleiner, harmlos aussehender und elegant gekleideter Man»in der Nähe sei. — Wir fürchten aber trotzdem, daß die „Fliege" Mr. Grape noch zumanchem Souvcreign verhelfen haben mag.
MLserllen.
(Eine allerliebste Ordensgeschichte) erzählt das „D. Mtgs.-Bl.": Derorbenspendende Graf in „Niniche" ist eine übertriebene Satire auf die — Freigebigkeitgewisser Souveräne, die Hansorden zn vertheilen haben, aber etwas Wahres ist dochdran. Erzählt man sich doch von einem ordenssttchtigen Schauspieler und einem generösenFürsten folgendes Geschichtchen: Der Schauspieler hatte an dem kleinen Hoftheater ge-fallen, der Fürst drückte ihm mündlich seine Befriedigung aus — aber der Orden er-schien nicht, obwohl der Mime drei Tage in der.Residenz verweilte. Endlich riß ihmdie Geduld, er bestellte den Wagen und fuhr zur Bahn. Auf dein W ege dahin kommtman an dem Park des Souveräns vorüber. Serenissimus stand eben auf der Parkterrasse