Ausgabe 
(6.6.1883) 45
 
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Abd-el-Kader. f

Der so oft todtgesagte Emir Abd-el-Kader ist, wie Telegramme aus Damaskus »neiden, diesmal wirklich gestorben. Der Sohn des todten Wüstenlöwen zeigte dasErcigniß dem Präsidenten Grevy mit folgendem Telegramm an:Damaskus , 26 Mai:An Se. Hoheit Jules Grevy , Präsidenten der Republik. Mit Schmerz habe ich dieEhre, Ihnen das große Unglück mitzutheilen, welches uns in der Person meines Vaters,des am Vorabend des Samstags um Mitternacht verstorbenen Emir Abd-el-Kader, trifft.Nach seinem letzten Willen wurde ich von der ganzen Familie einstimmig zum Oberhauptgewählt. Ich bitte Ew. Hoheit an meine opferwillige Zuneigung für die französischeRegierung zu glauben. Mohamed, ältester Sohn des Emirs Abd-el-Kader."

Derjenige, welcher heute vielleicht alszahlreicher Familienvater" mit Wehmuth aufseinem Scheitel das erste weiße Haar entdeckt, wird von dem Namen Abd-el-Kader wievon dem Titel einer alten lieben Ammengeschichte berührt werden. Es war die Zeit,wo sonst wenig in der Welt passirte, die Zeit zwischen der Juli-Nevolution und demJahre 1848. Damals regierte der Bürgerkönig Louis Philippe in Frankreich , der Mannmit dem Kopf gleich einer Birne", wie der arabische Scheikh ihn schildert in einemFrciligrath'schen Gedicht, ein gekrönter Spießbürger, der zum Wähle seiner Nachkommen-schaft auch an der Börse zu spielen nicht unter seiner Würde hielt.

Abd-el-Kader war in der Nähe von Mackara, unfern von Oran , 1807 geboren,wurde in der Moschee dieser malerischen und herrlich gelegenen Stadt erzogen und er-warb sich bald bei seinen Mitschülern und den Jmans eine solche Beliebtheit, daß derdamalige Bey Argwohn bekam und der junge Abd-el-Kader nach Kairo flüchten mußte,um den Häschern zu entgehen. Dann kamen die Franzosen nach Algier und Ende 1831tauchte der junge Abd-el-Kader plötzlich wie ein Meteor auf als Kämpfer und Ver-theidiger seines Volkes. Er war ein geistliches Haupt, der Führer eines Anti-Kreuzzuges,im mohamedanischen Sinne ein anderer Bernhard von Clairvaux , ein jugendlicher Enthusiast.Er war in den Augen seines Volkes mehr als ein König, weil er zum Stamme derHaschem gehörte, die ihren Stammbaum bis zur Fatima, der Tochter des Propheten,hinaufführten. Er war außerdem ein Marabu, einLevit" seines Volkes. Sechzehnvolle Jahre hindurch, von 1831 bis 1847, hielt er seiner Nation die Franzosen auf mehrdenn Armeslänge vom Leibe und nöthigte wohl ein dutzendmal die königlichen TruppenFrankreichs zu Verträgen, welche als vortheilhast für die Wüstenstämme gelten konnten.Aber Verträge zwischen einer hohen und niedern Kultur sind gewöhnlich IronischenCharakters, und die oben bezeichneten wurden zumeist von französischer Seite gebrochen.

Frankreich hatte auch nicht den Schatten eines Rechttitels zur Annektirung aufseiner Seite, als es eine Flotte nach der algerischen Küste sandte, um eine von dem Beyeinem französischen Konsul angethane Beleidigung zu rächen. Die Geschichte des fran-zösisch-algierischen Krieges ist die Geschichte einer Ohrfeige. Es war im Jahre 1827,als eines Morgens der Konsul Frankreichs dem regierenden Bey von Algier einige hübscheImpertinenzen sagte. Dieser hatte seine üble Stunde und reichte dem Franzosen seineHand in's Gesicht. Damit wurde die Schleuse für ein Meer von Blut geöffnet undAlgier bezahlte die brennende Wange mit seiner Unabhängigkeil! Frankreich gab vor,blos das Attentat auf seine Ehre rächen zu wollen; es wies mit Entrüstung den Vor-warf irgendwelcher Eroberungssucht von sich ab und schloß dennoch sein Wort brechend die Tasche über der neuen Beute.

Am 5. Juli 1830, also wenige Tage vor dem Sturz Karl X., erlag Algier vordem Ansturm der Franzosen. Die ersten französischen Kommandeurs verfuhren mit aus-gesuchter Barbarei» als Hütten sie nicht mit einem frei geborenen Volke, sondern mit einemzur Ausrottung bestimmten Trupp von Orang-Utangs zu thun. Die Berichte darübermachten dem abgeklärtesten Schlachtsoldaten das Blut in den Adern sieden. GeneralPelissier, welcher später ein Korps im Krimkriege befehligte, wird es als ewig an seinemGedächtnisse haftender Makel nachgesagt, daß er in der Algier -Kampagne einen ganzen