Ausgabe 
(6.6.1883) 45
 
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Franken. Seit 1.852 lebte Abd-el-Kader zuerst in Bruffa und nach dem Erdbeben, welchesdiese Stadt zerstörte, in Damaskus . Es war im Jahre 1865, alsder Alte" Reiselustempfand und Paris besuchte, wo er der Löwe des Salons wurde. Zwei Jahre spätererschien er dort wiederum, um die Weltausstellung zu besichtigen. Darnach kehrte ernach Damaskus zurück, wo er das Ende seiner Tage abwartete, verehrt und bewundertvon dem verwandten Volke, nachdem die Tageschronik seinen Namen längst vergessenhatte, und geliebt von den Christen, deren Beschützer er gewesen. Unvergessen bleibt erin Algier. Es gibt in Frankreich Politiker, welche besorgen, jenes Land könne einmalfür Frankreich dasselbe werden, was Irland für England geblieben, eine immer neueSorge, die sich nicht abschütteln läßt. Wenigen ist es beschieden, so lange die Groß-thaten des eigenen Lebens zu überdauern, wie Abd-el-Kader und jener Zweite, Schamyl,der Tscherkessen-Heroe, der auch wie der Marabu-Häuptling von Algier dem fremdenEroberer fünfzehn Jahre lang die Stirne bot und erst unterlag, als die Soldaten desZars die Waldungen des Kaukasus den Flammen übergaben. In Algier werden nochheute in jedem arabischen Cafe, in jedem Bazar und bei jedem Lagerfeuer in der feier-lichen Wüste die Thaten und Schlachten des großen Emirs besungen.

Mi-e-llen.

(309 Worte auf einem Weizenkorn.) Die Miniatur Kalligraphie kommtneucstens wieder in die Mode. Anlaß dazu boten die Korrespondenzkarten, indem mansich gegenseitig darin zu überbieten suchte, möglichst lange Gedichte, z. B. Schiller'-«Glocke", u. dgl. auf dem Raume einer solchen Karte leserlich zu schreiben. Eine vielmerkwürdigere Leistung dieser Kleinkunst ist derN. f. Pr." init der Post aus Nimnitz-Sarat zugekommen. Es ist dies ein auf einer Nadel aufgespießtes und in einem GlaS-röhrchen verwahrtes Weizenkorn auf welches eine Stelle aus Viktor Tissot's Werk überWien , welche 309 Worte enthält mit einer Feder so fein und dabei so deutlich geschriebenist, daß man die meisten Worte mit freiem Auge lesen kann. Der Urheber diesesgraphischen Kunstwerkes ist ein gewisser I. Sofer, der wie dem Blatte geschriebenwird die Zeit, die er im jüdischen Bethause zugebracht hatte, dazu benützte, um sicheine solche Fertigkeit in der Miviaturschrift anzueignen. Nebst Weizenkörnern benützt erauch die kaum Messerrückenbreiten Kanten von Visitkarten zur Ausübung seiner Kunst.Vom König Carol hat er für dieselbe die MedailleLeno mnrenti^ erhaltem

(1883 als Obst- und Weinjahr.) Haben die alten Propheten und ichwill, so schreibt dasD. M.-Bl.", zu ihnen unseren Dichterkönig Goethe mitzähleneinmal Recht, so wird das Jahr 1883 an Obst und Wein reich gesegnet sein. Eine alt«Bauernregel sagt« wenn am 1. Mai Reif fällt (was in diesem Jahr vielerorts geschehenist), so geräth alle Frucht wohl, und in Goethe's Hermann und Dorothea" (I. Gesang)wird der 1783er Wein gepriesen, was sich hoffentlich auch auf seinen hundertjährigenNachkommen, den 1883er, wird anwenden lassen.

6. (Das Küfer recht.) Dieses Recht war im Mittelalter besonders geheiligtund war dasselbe, wie es noch jetzt alshochfürstlich Württembergisches Hofkellerrecht"auf einer Tafel vom Jahre 1734 im Keller des alten Schlosses zu Stuttgart zu lesenist und folgendermaßen lautet:

Sonst giebt man ihm das Kellerrecht,Es sei Fürst, Graf, Herr oder Knecht.Drum muß er leiden mit Geduld,

Man soll nicht grob seyn und zu frey,Daß einer zanke, fluch und schrey,

Hier vieipe over Zollen reiy,

Und sich vergeht auf andre Weis'»Mit Fingern klopfen an ein FaßIst nicht erlaubt in Ernst und Spaß,

Wenn das Bandmener er verfchupDoch dem ein Trum zu DienstenDer aus und ein bescheiden gehet?

Die in diesem Gedicht erwähnte Strafe bestand darin, daß man sich über das Faß legettund drei Streiche mit dem Bandmesser aufgesalzen bekam.

Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag desLiterarischen Instituts von Dr., Max Huttler.