Ausgabe 
(9.6.1883) 46
 
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Äugsburger postjeituilg."

Nr. 46.

Samstag, 9. Juni

1883.

Des Försters Enkelkind.

Original-Novelle von Mary Dobson.

(Fortsetzung.)

Fast eine Woche war nach diesem Gespräch vergangen, das den Förster mit größte«Ruhe der Zukunft entgegenblicken ließ, und der Sonntag herangekommen.

Am Morgen fuhr, wie sie meistens zu thun pflegte, die Familie zur Kirche, wosie Frau von Stein und ihre Tochter in den Plätzen der Gutsbesitzer bemerkten, dochweder von der Gräfin noch ihrem Enkel begleitet»

Anna konnte sich nicht enthalten, sie eine Weile aufmerksam zu betrachten, und warbald in ihrem Herzen überzeugt, daß Frau von Stein ihr nie sympathisch werden könne,da der kalte Ausdruck ihrer Augen und Züge sie abstießen. Ihre Tochter gefiel ihrbesser; waren es die ihr so vertrauten Züge, oder die warme Theilnahme, die ihr ausden braunen Augen entgegenstrahlte, als sie forschend auf sie herabblickte, Anna wußtees nicht, richtete aber die ihrigen zu dem jungen Mädchen hinauf, das längst stillschweigendseiner Großmutter beigestimmt, und sich von der seltenen Schönheit des Försters Enkel-kindes überzeugt, und daß sie der Bezeichnung Waldfee nur zu würdig war.

Nach Tische hielten der Förster und Frau Albrecht Mittagsruhe, und Anna setztesich mit einen» Buch vor die Thür. Den umfangreichen Band auseinanderschlagend, fielihr Auge auf mehrere durch einen Grashalm gehaltene trockene Nergißmeinnicht. Beidiesem Anblick färbte eine leichte Nöthe ihre Wangen, und eine Weile auf die noch wohl-erhaltene Farbe der lieblichen Sinnblume blickend, sagte sie endlich leise:

Er hat sie nur vor sechs Jahren gegeben, und dieselben von mir bekommen, ober sie noch bewahrt? Wohl mag das sein, doch wird er sie vielleicht vergessen haben vergessen zwischen den Blättern der Gedichtsammlung vergessen während aller derJahrs, die ihm der Veränderung und Zerstreuung so viel gebracht!" und noch einigeSekunden das Erinnerungszeichen aus der Kindheit betrachtend, blätterte sie dann weiterund begann zu lesen. .Bald aber ihren Großvater hörend, eilte sie mit dem Buch in'sHaus, das sie wieder im Bücherschrank verwahrte, und dann den Nachmittagskaffe besorgte.Ihr Großvater und ihre Tante erschienen, und als der Kaffee eingenommen, ward derSonntagsweg durch den Wald angetreten, wie es stets bei guten» Wetter Gebrauch gewesen.

Von Wolf begleitet, ging Anna den breiten Hauptweg entlang, während langsamerKohring und seine Nichte folgten und sich über die Predigt besprachen, die ausnahms-weise ein fremder Geistlicher gehalten. Auch Anna's Gedanken hatten sich der Kirchezugewandt, und zwar dem in derselben erblickten Fräulein von Stein, dessen äußere Er-scheinung einen so vortheilhasten Eindruck auf sie gemacht, daß sie, die nie eine Gespielin»oder Freundin ihres Alters gekannt, eine gewisse Sehnsucht nach der Bekanntschaft diesesjungen Mädchens empfand.

Diesen Gedanken sich hingebend, gewahrte sie nicht, daß Wolf schon unruhig ge-worden und aufmerksam nach der rechten Seite des Waldes geblickt, wo in einiger Eilt-