Ausgabe 
(9.6.1883) 46
 
Einzelbild herunterladen

362

fernung ein Weg abging. Plötzlich aber verlieh er sie und sprang in weiten Sätzen indiesen Weg hinein.

Die Ursache seiner Aufregung aber war ein junger Mann, der schon eine Weilehinter einem mächtigen Baumstamm gestanden, und mit Blicken, die seine tiefe Empfin-dung verriethen, das junge Mädchen beobachtet, das so ernst und sinnend daherschritt.

Er hatte eS bald erkannt, wenngleich aus dem Kinde eine hochgewachsene blühendeJungfrau geworden und den NamenAnna" aussprechend, hielt er plötzlich inne undfügte dann hinzu:

Nein, nein, so darf ich sie nicht mehr nennen, auch für mich ist sie «in Fräulein

Fräulein Herseld geworden, und täuscht mich nicht der Ausdruck meiner Züge, so binauch ich jetzt Graf Steinhorst für sie, bis bis vielleicht für den Augenblick abermag es so besser sein!"

Jetzt kam Wolf in weiten Sätzen herbeigesprungsn, und wir er es vor sechs Jahrengethan, legte er ihm seine mächtigen Pfoten auf die Schultern, und mit dem buschigenSchwanz um sich schlagend, blickte er ihm freudig entgegen. Nun hatte auch Anna denEingang des Weges erreicht. Sie sah das Bild und eine hohe Nöthe überzog einenAugenblick ihre Wangen, während ihr Herz laut zu klopfen begann. Im nächsten Momentaber hatte sie ihre Aufregung fast bezwungen, dennoch verrieth ihre Stimme, wie dasLeuchten ihrer Augen, ihre freudige Ueberraschung, und lebhaft sagte sie:

Herr Graf, ja Sie sind es wirklich l"

Eine Sekunde zögerte er: hatte er ihrerseits eine andere Anrede erwartet, oderwollte die seinige mir der förmlichen Benennung nicht den Weg über seine Lippen finden?

Dann reichte er ihr die Hand und erwiderte, ihr voll unverkennbarer Freude ent-gegenblickend:

Ja, ich bin's, Fräulein Herfeld! -- Sie haben also den Waldsmar aus früherenTagen wieder erkannt?"

Noch einmal überflog das verrätherisch« Roth ihre Züge, doch legte sie ihre Hand»die sichtliche Spuren der Arbeit trug, in seine weiße Rechte, und antwortete in ruhigemTon: >

»Ja, Herr Graf, wenngleich Sie sehr verändert zu uns zurückkehren!"

Aber auch Sie haben sich verändert, Fräulein Herfeld", entgegnete er mit einemBlick offener Bewunderung,doch hätte ich Sie unter Tausenden erkannt!"

Diesen, beredten Blick ausweichend, entzog sie ihm zugleich ihre Hand, es erfolgt^Line momentane Pause, dann näherte sich der Förster und seine Nichte, welche nurzu richtig geschlossen, daß Graf Steinhorst durch den Wald gekommen sei. Dieser eilteihnen entgegen, eine gegenseitige herzliche Begrüßung fand statt, und beide Hände beLjungen Mannes fassend, sagte Kohring mit bewegter Stimme:

Willkommen, Herr Graf, willkommen in der alten Heimaih, und Heil und SegenIhnen zu», Antritt Ihres Erbes!"

'Nehmen Sie auch meine besten Wünsche, Herr Graf", sagte ebenfalls FrauAlbrecht,und mögen Sie sich Ihres Besitzes in Glück und Gesundheit freuen!"

Ich danke Ihnen, meine Freunde", erwiderte gerührt der junge Mann, BeiderHände in den seinen drückend,und danke Ihnen ebenfalls, daß Sie mir einen so freund-lichen Empfang zu Theil werden lassen!"

Sie haben Recht gethan uns hier im Walde zu überraschen", sagte mit beifälligemLächeln der Förster, der gleich Frau Albrecht, seiner Enkelin Ruhe und Unbefangenheitwahrgenommen.

Wo Wolf mich aufgespürt und verrathen", entgegnete ebenfalls lächelnd der Graf.i.Unser guter treuer Wolf" und er streichelte den glänzend schwarzen Kopf des Neu-fundländersder während der sechs Jahre» wo ich ihn nicht gesehen, derselbe geblieben!"

Wie haben Sie Ihre Frau Großmutter gefunden?" fragte Frau Albrecht, welchedie Allgewalt der Erinnerungen für den jungen Mann wie für ihre Nichte fürchtete.